Der größte Wunsch

Die Schaufensterscheibe des Buchgeschäftes war bestimmt so breit, wie der Schulbus lang war. Jan rückte immer dichter an das Glas heran, bis er zuletzt mit seiner warmen Stupsnase dagegen stieß. Brr, kalt! Nun kniff er beide Augen zu, dann riss er sie wieder auf, um die Auslage zu betrachten. Bunt gestaltet war sie, mit Weihnachtsbüchern, Christbaumkugeln, Tannengrün und Kerzen. Aus Spaß hauchte Jan warme Atemluft gegen die Scheibe, bis sie vor seinen Augen verschwamm. Wo blieb Mutti bloß? Jan wäre viel lieber mit ihr reingegangen, anstatt hier draußen auf sie zu warten. Sie wollte dem Weihnachtsmann ein bisschen helfen, hatte sie mit geheimnisvoller Stimme gesagt. Aber wieso? Der Weihnachtsmann hatte Jans Wunschzettel bestimmt längst bekommen. Er brauchte Muttis Hilfe gar nicht. Der kleine Junge seufzte. Ihm wurde so langweilig. Seine Vorweihnachtsfreude war fort – wie weggewischt. „D-o-o-f-d-o-o-f …“, murmelte Jan.

„Was ist doof?“, erkundigte sich eine tiefe Stimme. Wer sprach da? Staunend betrachtete Jan den fremden Opa, der plötzlich neben ihm stand und ihn freundlich anlächelte. Die Dezemberkälte hatte die Knollennase des alten Herrn rot gefärbt, so dass sie ganz lustig über dem dichten weißen Bart hervor lugte. Die Augenbrauen waren weiß und buschig. Das Haar war silberweiß. Der schwarz gegürtete Mantel war rot. Nein, das war doch nicht … oder etwa doch?

„Bist … bist du etwa der …?“, hauchte Jan ungläubig.

Der Weißbart schmunzelte. „Und wenn es so wäre?“, brummte er mit einer Stimme, die so tief war, dass sie einem starken Bären zur Ehre gereicht hätte.

„Dann, dann ...“ Jan verstummte und wagte es, den rechten Mantelärmel des Alten zu berühren. Der Ärmel fühlte sich warm, fest und gut an. Jan schnupperte. Der Fremde roch nach Äpfeln und Zimt, nach Kaminrauch und Heimlichkeit – hm, nach Weihnachten. Ja, er war es! Jan wusste es ganz sicher.

Der gute Weißbart beugte sich zu Jans rechtem Ohr nieder. „Wer den Weihnachtsmann anfassen darf, der wird sein Leben lang ein Glückspilz sein“, flüsterte er. „Denk nur immer daran, deine Freude mit anderen zu teilen. Dann kehrt sie doppelt und dreifach zu dir zurück. Du wirst nie wieder lange traurig sein, mein Junge. So einfach ist das.“

Pfft, machte es leise neben Jans Ohr. So, als ob ein Luftballon davon zischte.

Jan rieb sich verdutzt die Augen. Der Weihnachtsmann war wieder weg! Oder war er vielleicht gar nicht dagewesen? Aber wer sonst hatte Jan dann die hübsche Schneekugel in die Hand gedrückt? Mit einem Miniweihnachtsmann darin, der Jan fröhlich angrinste?

Jan schmunzelte. Er steckte die Schneekugel in seine Tasche. Es fiel ihm plötzlich überhaupt nicht mehr schwer, auf Mutti zu warten. Und er wusste auch schon, was er ihr zu Weihnachten schenken würde: Ein selbstgemaltes Bild – mit Mutti drauf, mit dem Weihnachtsmann, und mit sich selbst in der Mitte.

Glücklich lächelnd.

Frohe Weihnachten!

Marianne Thiele

 

Last Updated (Friday, 23 November 2018 13:51)