Schamanenfluch

Ruhig und idyllisch lag der See inmitten eines alten Kiefernwaldes. Der Hochsommer hatte im Norden Finnlands Einzug gehalten. Es roch herb nach Harz und sĂŒĂŸ nach wilden Blumen, nach frischem Seewasser und nach Fisch. Der blaue Himmel schmĂŒckte sich mit watteweißen Wölkchen. Die Sonne hatte ihren tĂ€glichen Lauf nahezu vollendet, aber sie wĂŒrde nachts nicht vollstĂ€ndig vom Horizont verschwinden, sondern den kleinen See von KarhujĂ€rvi mit einer magisch anmutenden Symphonie aus gelben und roten Farben verzaubern. MĂŒcken sirrten ruhelos am Ufer entlang, immer auf der Hut vor den wendigen Libellen, die die kleinen stechlustigen Plagegeister zum Fressen gern hatten.

Obwohl das Seeufer an den meisten Stellen naturbelassen war, gab es dennoch hier und da Anzeichen, dass dort Menschen wohnten. An einer der Seebuchten schaukelte ein grĂŒnes Ruderboot an den moosumschlungenen Pfosten eines Bootssteges auf und ab. Es wartete anscheinend auf die neuen GĂ€ste, die heute in das rustikale Blockhaus eingezogen waren, welches in UfernĂ€he mit blank geputzten Scheiben hinaus aufs Wasser blickte. Vielleicht wĂŒrden die Neuen noch an diesem Abend eine nette Rudertour ĂŒber den See wagen? Es gab lohnende Ziele, zum Beispiel verschwiegene kleine Inseln, die nur von Wildvögeln bewohnt wurden. Man konnte aber auch nahe am Ufer bleiben – da gab es fĂŒr Naturfreunde viel zu fotografieren. Verwunschen wirkende MoorflĂ€chen rĂŒckten dicht an den See heran, BĂ€ume mit kurios aussehenden Bartflechten wuchsen am Ufer, möglichst nah am lebensspendenden Nass. Eidechsen und MĂ€use huschten ĂŒber dicke BaumwurzelstrĂ€nge und versteckten sich flink im Unterholz, immer auf der Hut vor dem Bartkauz. Elche kamen zum Äsen ans Ufer. Rentiere durschwammen den See auf ihrer tĂ€glichen Route. Die nĂ€chste Straße, die nach Norden zum Eismeer fĂŒhrte, war mehr als einen Kilometer entfernt. Der LĂ€rm der Motoren drang niemals bis zum See.

Die neuen GĂ€ste im Blockhaus waren offenbar ebenfalls mit einem Auto angereist. Ihr roter Volvo parkte direkt neben der Ferienunterkunft. Die beiden jungen Frauen – zwei muntere Studentinnen aus Uppsala - hatten gleich nach ihrer Ankunft ihr GepĂ€ck ausgeladen, etwas gegessen und Tee getrunken. Kaija und Marike gefiel das Blockhaus ausnehmend gut. Sie öffneten jeden Schrank und jede Schublade in der KĂŒchenzeile, guckten durch die zwei breiten Doppelglasfenstern kichernd auf den See, verteilten den Inhalt ihrer Reisetaschen großzĂŒgig in dem Wohnbereich, entdeckten das Elchgeweih ĂŒber dem Kamin und legten schon mal die NachtwĂ€sche in das Schlafzimmer. Den zweite Stock, der ĂŒber eine Holzleiter zu erreichen war – der sogenannte Loft - ließen sie in Ruhe. Da oben wohnten nĂ€mlich schon die Ameisen.

Nun lockte der See! Die beiden Freundinnen hatten sich bereits fĂŒr eine Rudertour umgezogen. Marike trug eine blaue Jeans und ein weißes Shirt mit dem Bild eines BraunbĂ€ren auf dem Vorderteil, und Kaija hatte sich fĂŒr ein leichtes, gelbes Sommerkleid mit einem Blumenmuster entschieden. Sie wollte nur noch schnell den Tisch abrĂ€umen, bevor sie zum Ruderboot gehen wĂŒrde. Da sah sie zu ihrem Erstaunen, wie Marike einen weißen, fest zugeklebten A4-Briefumschlag aus dem Rucksack zog, um ihn zu öffnen.

„Ist das wirklich dein Ernst, Marike? Du willst Professor Iversens Brief aufmachen? Jetzt gleich, obwohl wir erst seit drei Stunden in Lappland sind?“

Das Erstaunen in Kaijas Stimme war nicht zu ĂŒberhören. Die hĂŒbsche, dunkelhaarige Studentin betrachtete ihre Freundin, als ob sie sie zum ersten Mal sah. Marike machte das nichts aus. Sie fummelte bereits am Klebefalz herum.

„Warum soll ich den Brief denn zulassen, Kaija?“, fragte sie vergnĂŒgt.

„Weil der Professor uns das Versprechen abgenommen hat, dass wir seine Nachricht erst am letzten Tag unseres Lapplandaufenthaltes lesen sollen“, erklĂ€rte Kaija mit fester Stimme. „Und ich wĂŒrde mich in Grund und Boden schĂ€men, wenn wir uns nicht daran hielten!“

„Du vielleicht. Ich nicht“, sagte Marike. „Obwohl ich zugeben muss, dass Ole Iversen verdammt großzĂŒgig ist. Zwei Monate Forschungsaufenthalt am Polarkreis, diese BlockhĂŒtte in KarhujĂ€rvi und der Volvo inklusive, plus ein erkleckliches Taschengeld. Und die Möglichkeit, unser eigenes Forschungsthema zu bearbeiten — das bekommt man nicht alle Tage. Trotzdem ...“

Der störrische Klebefalz verhinderte immer noch das Öffnen des verbotenen Briefes. Marike verlor die Geduld. Sie hielt nach einem Brieföffner Ausschau, und weil sie keinen sah, griff sie nach einem Brotmesser, welches auf dem Tisch lag.

„Du warst schon immer eine ehrliche Haut, Kaija. Trotzdem meine ich, dass wir von Anfang an wissen sollten, was uns der Professor mitteilen will. Dir ist doch klar, dass er ursprĂŒnglich nur einem Studenten diese Reise bezahlen wollte?“

Kaija nickte. „Ja. Aber unser Thema hat ihn eben ĂŒberzeugt – die Erforschung der Mythen und Legenden Lapplands. Wir haben uns zwar zu zweit beworben, im Gegensatz zu unseren Kommilitonen, aber wir konnten alle anderen verdrĂ€ngen, weil wir die bessere Idee hatten. Und darĂŒber sollten wir uns freuen und nicht in Iversens Brief spionieren.“

Marike zögerte nun doch. Sie drehte das Kuvert unschlĂŒssig hin und her.

„Ich konnte noch nie auf Geheimnisse warten“, sagte sie in einem vertrĂ€umten Tonfall. „Als Kind wusste ich schon lange vor meinem Geburtstag, was ich als Geschenk bekommen wĂŒrde. Ich habe tagelang alle SchrĂ€nke durchsucht. Meine Eltern dachten sich immer raffiniertere Verstecke aus, aber ich fand sie alle. Auch vor Weihnachten und zu Ostern. Bis ich dreizehn Jahre alt war.“

„Und dann?“, wollte Kaija wissen.

„Dann war es vorbei. Meine Eltern gaben es auf. Sie legten mein Geschenk von da an ganz offen ins Wohnstubenregal.“

Kaija stand auf. Sie nahm den Briefumschlag und legte ihn gut sichtbar aufs Fensterbrett.

„Wir machen es genauso“, schlug sie vor. „Wir lassen ihn dort bis zu unserem Abreisetag ungeöffnet liegen. Einverstanden?“

Ihre Freundin nickte. „Okay. Ich will ja keinen Streit. Wenn du den Tisch abrĂ€umst, bringe ich die AbfĂ€lle hinaus. Danach helfe ich dir beim Abwaschen und dann fahren wir Boot.“

Marike verließ das Haus und betrat die Veranda. Sie blieb einen Moment stehen und genoss die friedliche Abendstimmung. Draußen war es trotz der spĂ€ten Stunde noch hell. Marike wusste, dass am Polarkreis die Sommersonne nicht schlafen ging. Sie wĂŒrde auch gegen Mitternacht nur so tief sinken, dass es aussah, als ob sie sich auf den Baumkronen der endlosen finnischen WĂ€lder einen Moment lang ausruhen wollte. Der Himmel spielte bereits mit roten, gelben und blauen Farben, mischte sie beliebig und malte mit ihnen die Wolken an. Der klagende Ruf des Sterntauchers war ganz in der NĂ€he zu hören. Marike konnte ihn jedoch nicht sehen, vielleicht blieb der braun-weiße Vogel zur Nachtzeit im schĂŒtzenden Schilf.

Ein Rentierbulle trat aus dem Wald und trank einen Schluck Seewasser. Danach trabte er quer ĂŒber den Hof und verließ ihn in Richtung Straße. Rechts am Ufer, hinter ein paar alten Kiefern, wartete nicht nur das Ruderboot auf die Studentinnen, sondern auch ein Zelt, in dem sie abends lesen, grillen oder auch an ihrer Belegarbeit schreiben konnten. Links vom Haus erstreckte sich ein kleines Moor, das gut begehbar war, so dass man darin nach Moltebeeren suchen konnte, sobald sie reif waren. Noch zwei Wochen, hatte Timo, ihr Hauswirt, ihnen zur BegrĂŒĂŸung augenzwinkernd verraten, dann wĂ€re Erntezeit. Vor dem Moor, gleich bei der Hofeinfahrt, stand ein Schuppen, in dem Timo Brennholz und Werkzeug aufbewahrte. Anstelle einer Abfalltonne gab es einen großen blauen Abfallsack, den der Hausherr im Vierwochenrhythmus selbst abholte. Weil er ein echter Sami war, hatte er auch ein Vorratshaus gezimmert, wie es von den Familien in dieser Gegend benutzt wurde. Es stand auf Stelzen und sah eigentlich wie eine Miniausgabe der BlockhĂŒtte aus. In seinem gerĂ€umigen Inneren konnte man im Winter zusĂ€tzliche VorrĂ€te aufbewahren, ohne dass die BĂ€ren und die Vielfraße die Lebensmittel stahlen.

Marike erinnerte sich an ihre Aufgaben. Sie löste sich vom Anblick des Sees und warf die leere Dose in den Abfallsack. Einen Spaten fand sie im Schuppen. Dann ging sie ein StĂŒck weit ins Moor hinein. Sie hob ein Loch aus und grub etwas tiefer, als es eigentlich fĂŒr ein bisschen Ökoabfall nötig gewesen wĂ€re. Plötzlich spĂŒrte sie im weichen Moorboden einen ungewöhnlichen Widerstand. Sie warf den Spaten zur Seite, beugte sich ĂŒber die Grube und legte mit den HĂ€nden das Objekt vorsichtig frei. Als sie sah, was sie gefunden hatte, stieß sie einen ĂŒberraschten Pfiff aus. Schnell hob sie das FundstĂŒck auf und rannte damit zurĂŒck zum Haus.

„Ich bin lĂ€ngst mit dem AufrĂ€umen fertig. Wo warst du bloß so lange?“, empfing Kaija ihre Freundin.

„Tut mir wirklich leid“, entschuldigte sich Marike. „Ich dachte, es wĂ€re besser, unsere Essenreste zu vergraben, denn in den Abfallsack dĂŒrfen wir ja nichts UnnĂŒtzes hineinwerfen. Sonst ist er nach einer Woche rappelvoll und stinkt. Also bin ich ins Moor gegangen, und dort habe ich diesen dreifarbigen Stein gefunden.“

Sie reichte ihn der Freundin. Kaija nahm das FundstĂŒck vorsichtig in die Hand. Es war so groß wie ein Entenei, hatte aber eine dreieckige Form.

„Donnerwetter. Du bist ein ja ein RiesenglĂŒckspilz! Ich weiß, was das ist - ein echter Schamanenstein“, flĂŒsterte sie. „Solche Halbedelsteine findet man normalerweise nicht im Moor. Und sieh dir mal die Farben an — unten besteht er aus dunklem Rauchquarz, in der Mitte aus weißem Schneequarz und die Spitze bildet der violette Amethyst. Das ist ein heiliger Stein, den irgendein Noaide zum Prophezeien benutzt hat. Wie der wohl ins Moor geraten ist?“

„Das weiß ich auch nicht. Er lag in einem halb zerfallenen BirkenkĂ€stchen, jedenfalls in dem, was noch davon ĂŒbrig war. Zusammen mit vielen Knochen“, erklĂ€rte Marike.

„Vielleicht ist das eine BegrĂ€bnisstĂ€tte“, ĂŒberlegte Kaija. „Die dĂŒrfen wir nicht entweihen, sonst trifft uns womöglich der Fluch des Schamanen. Vergrab den Stein lieber wieder da, wo du ihn gefunden hast!“

Aber davon wollte Marike nichts wissen.

Am nÀchsten Tag fuhren die Freundinnen mit dem Volvo nach Rovaniemi. Ihr Ziel war das Arktikum. Hier wollten sie mit der Suche nach den Legenden und Mythen der Sami, wie sich die Lappen selbst nennen, beginnen.

Das Arktikum erwies sich als großzĂŒgiger Kuppelbau aus Glas und Stahl. Es sah wie ein ĂŒberdimensionales Iglu aus und beherbergte nicht nur die nördlichste und umfassendste Wissenschafts- und Museumsausstellung Finnlands, sondern auch eine umfangreiche Bibliothek. Den Freundinnen war schnell klar, dass sie sich die Arbeit teilen mussten. Kaija beschĂ€ftigte sich mit den Themen Alltag und Erwerbsleben, wĂ€hrend sich Marike auf die Religion, die Natur und den Jagdzauber konzentrierte.

Die beiden verbrachten den ganzen Tag im Arktikum und kehrten am Abend mĂŒde, aber zufrieden in ihre BlockhĂŒtte zurĂŒck.

„Ich kann noch nicht schlafen“, sagte Marike nach dem Abendbrot. „Ich muss erst das Material sichten. Du glaubst gar nicht, was ich alles gefunden habe – allein fĂŒnf verschiedene Legenden ĂŒber die Polarlichter, diverse Übersetzungen von Runensteinen, jede Menge Geschichten von der Jagd und von heiligen StĂ€tten ...“

„Du meinst die Seitas“, unterbrach Kaija sie. „Ja, die finde ich auch faszinierend.“

„Wir sollten so einen Platz besuchen“, schlug Marike vor. „Was hĂ€ltst du davon, wenn wir morgen zum Inarisee fahren? Wir können mit einem Boot zur Insel Ukko ĂŒbersetzen, sie ist ein heiliger Ort. Bestimmt finden wir dort einiges ĂŒber alte Riten heraus. Und von da können wir gleich weiter zum Opferstein nach Mortensnes fahren, das liegt zwar schon in Norwegen, ist aber Samigebiet.“

Kaija war nicht begeistert. „Du weißt, dass wir fĂŒr diese Tour bestimmt eine Woche brauchen?“ Sie holte die Straßenkarte heraus und schĂ€tzte den Streckenverlauf. „Allein bis zum Inarisee fahren wir bestimmt zwei Tage. Bis nach Mortensnes brauchen wir noch mal zwei. Du musst außerdem ausreichend Zeit zum Suchen und zum Sammeln einplanen, zum Beispiel in der Siida-Ausstellung im Dorf Inari oder in anderen Museen.“

„Das macht doch nichts“, wandte Marike ein.

Kaija schĂŒttelte jedoch den Kopf. „Muss ich dich daran erinnern, dass wir von Uppsala aus zwei ganze Tage unterwegs waren, bevor wir ĂŒberhaupt hier in KarhujĂ€rvi angekommen sind? Das war ĂŒbrigens erst gestern. Und jetzt willst du schon wieder losfahren, obwohl wir die Gegend hier noch gar nicht richtig kennen? Denk doch nur an die StĂ€dte Kuusamo oder KemijĂ€rvi, die sind beide nicht mehr als 80 km entfernt. Dort könnten wir noch viele Sagen finden, bevor wir weiter nach Norden reisen.“

Marike merkte, dass sie ihre Freundin nicht ĂŒberzeugen konnte. Sie zog sich nach dem Essen verĂ€rgert in das Zelt zurĂŒck und ĂŒberließ Kaija die HĂŒtte. Den dreifarbigen Schamanenstein, ihren Schlafsack, den CD-Player, eine CD mit Samimusik und ihren Laptop nahm sie mit. Am nĂ€chsten Tag war sie sehr mĂŒde. Sie interessierte sich in Kuusamo mehr fĂŒrs Einkaufen als fĂŒr das Kulturhistorische Museum. An einer Schamanentrommel fand sie Gefallen. Sie kaufte sie, obgleich die Trommel nicht echt, sondern bloß ein Souvenir fĂŒr Touristen war. In KemijĂ€rvi besorgte sie sich in der Buchhandlung Material ĂŒber den Schamanismus. Aber neue Legenden schrieb sie nicht auf. Nicht einmal der Besuch in der Amethystmine von Luosto Ă€nderte etwas daran, dass sie Kaija das Sammeln der Geschichten ĂŒberließ.

Deshalb stellte Kaija Marike beim gemeinsamen Abendbrot zur Rede.

„Ich verstehe dich nicht“, beschwerte sie sich. „Warum interessierst du dich gar nicht mehr fĂŒr unser Projekt? Das bisschen, was du ĂŒber den Schamanismus gesammelt hast, das hĂ€ttest du auch in der Uni-Buchhandlung in Uppsala kriegen können. Und was soll das mit dem Schlafen im Zelt? Es macht dich so furchtbar mĂŒde. Du solltest heute wieder ins Haus ziehen, Marike. Wir haben doch hier eine ordentliche Schlafkammer, und die ist groß genug fĂŒr uns beide.“

Doch Marike lehnte alle VorschlĂ€ge rundweg ab. „Ich sammle eben mein Material auf meine Weise, Kaija. Draußen im Zelt kann ich nun mal besser arbeiten. Übrigens, morgen komme ich nicht mit in die Bibliothek. Ich will mich mal so richtig ausschlafen. Fahr ruhig ohne mich nach Rovaniemi, wir sehen uns dann am Abend.“

Und dabei blieb es auch in den folgenden Wochen. Am Tage war Kaija unterwegs, um Legenden zu sammeln. Ihre Freundin blieb zurĂŒck und schlief. Nachts erklang im Zelt oft Musik, manchmal probierte Marike sogar die Trommel aus. Im Schein des Feuers konnte Kaija anhand des Schattenspiels erkennen, dass ihre Freundin auch eifrig auf dem Laptop schrieb. Nur was?

„Ich frage mich wirklich, was du Professor Iversen zeigen willst, wenn wir ĂŒbermorgen wieder in Helsinki sind“, sagte Kaija, als die zwei Forschungsmonate sich unerbittlich dem Ende zuneigten. „Hier, das sind die Geschichten, die ich gesammelt habe — Zaubersagen, ZaubersprĂŒche, Jagdgeschichten, Fabeln, Legenden zur Entstehung der Welt, so wie die Sami sie sehen, und vieles mehr.“

Sie reichte Marike ihr Material. Die Freundin blĂ€tterte aufmerksam in dem dicken Ordner und ließ sich auch die Ausarbeitungen auf Kaijas Laptop zeigen.

„Du warst sehr fleißig“, sagte sie. In ihrer Stimme war kein Neid, nur ehrliche Anerkennung. „NatĂŒrlich willst du jetzt sehen, was ich zusammengetragen habe?“

Kaija seufzte und nickte. „Es wird ja nicht viel sein, aber ich bin trotzdem neugierig“, meinte sie. „Zeig mir ruhig alles, was du hast. Und wir sollten nun auch den Brief des Professors öffnen und nachsehen, was er uns schreibt.“

Sie wollte schon nach dem Kuvert greifen, das noch immer auf der Fensterbank lag.

„Warte. Eins nach dem anderen“, hielt Marike sie zurĂŒck. „Komm erst mit mir ins Zelt, dort zeige ich dir, wie ich an mein Material gelangt bin. Du wirst ĂŒberrascht sein, was ich alles gefunden habe.“

Kaija zuckte zwar die Achseln, doch sie folgte der Freundin. Im Zelt setzte sich Marike auf die Bank, direkt vor die Feuerstelle. Sie bat Kaija, ebenfalls Platz zu nehmen. Dann zĂŒndete sie etwas Birkenholz an, legte den Schamanenstein neben sich und stellte den CD-Player an. Die beiden lauschten eine Weile der alten Musik der Sami und dem Knistern des Feuers.

„An jenem Abend, als ich das erste Mal allein im Zelt schlafen wollte, fragte ich mich, ob ich nicht auch eine Schamanenreise machen könnte“, sagte Marike leise. „Ich wĂŒnschte es mir sehr, und darĂŒber schlief ich ein. Im Traum verließ ich mein Zelt und ging hinunter zum Ufer. Über dem See ballte sich Nebel zusammen. Ich beobachtete, wie er verschiedene Formen annahm – von HĂ€usern, Elchen, Menschen, BĂ€umen, einem Tor. Ich stand ganz still da, sah mir alles an und erwartete nichts. Aus dem Tor trat ein BraunbĂ€r. Er begrĂŒĂŸte mich und wir redeten eine Weile miteinander. Ich sagte ihm, dass ich Legenden sammle und er meinte, ich dĂŒrfte ihn ruhig öfter besuchen, er wĂ€re ab jetzt mein Freund und wĂŒrde mir bei meiner Arbeit behilflich sein. Ich fragte ihn, ob ich jede Nacht wiederkommen dĂŒrfte, und das bejahte er. Ich sollte ihn nur bei seinem Namen rufen, wenn ich wieder etwas von ihm wollte - er hieß Karhu. Dann trennten wir uns, er kehrte in den Nebel zurĂŒck und ich ging wieder ins Zelt. Ich war am Morgen sehr erschöpft, der Traum hatte mich stark angestrengt. Heute weiß ich, dass ich damals meine erste Schamanenreise gemacht hatte - es lag an dem Stein, ich hatte ihn die ganze Zeit fest in der Hand. Er war meine Eintrittskarte in die Welt der Geister.“

Kaija wusste nicht, was sie dazu sagen sollte.

Marike hatte dafĂŒr VerstĂ€ndnis.

„Ich habe den BĂ€ren in jeder Nacht gesehen“, fuhr sie fort. „Die Geschichten, die du tagsĂŒber durch deine Exkursionen kennen gelernt hast, habe ich nachts selbst erlebt. Ich reiste zu dem Schamanenstein von Mortensnes und beobachtete, wie ihm geopfert wurde, damit den Fischern eine glĂŒckliche RĂŒckkehr beschieden war. Ich besuchte den Feuerfuchs, als er am Himmel mit den Polarlichtern spielte, und ich war auch bei den Bergtrollen zu Gast. NatĂŒrlich habe ich von ihnen keine Gabe angenommen, sonst wĂ€re ich nie wieder aus meinem Traum zurĂŒckgekehrt.“

Kaija merkte bei den letzten Worten auf. „Willst du damit sagen, dass deine Traumreisen auch gefĂ€hrlich sind?“

Marike nickte. „Oh ja, das sind sie. In der letzten Nacht zeigte mir mein BĂ€rengeist eine Jagdszene – er selber wurde gejagt und ich war die Schamanin.“

Kaija unterbrach sie: „Warte mal – ich denke, mĂ€chtige Schamanen waren stets die MĂ€nner? Ich habe gelesen, dass Frauen nicht mal die Trommel anfassen durften. Und wenn sie weissagten oder heilten, dann nutzten sie einen GĂŒrtel oder einen anderen geweihten Gegenstand fĂŒr ihre Zwecke.“

„Falsch gedacht“, sagte Marike. „Es gab durchaus Schamaninnen, die Trommeln benutzten, und sie waren oft mĂ€chtiger als ihre mĂ€nnlichen Kollegen. Doch mein Abenteuer letzte Nacht hat mich nachdenklich gemacht. Du weißt doch auch ĂŒber den Ablauf einer BĂ€renjagd Bescheid?“

„Sicher“, bestĂ€tigte Kaija. „Ich weiß einiges. Meister Petz wird zum Beispiel wĂ€hrend der Jagd nicht mit seinem Namen angesprochen. Er heißt nur noch „Herr des Waldes“ oder er erhĂ€lt andere Umschreibungen. Wenn die JĂ€ger ihn erlegt haben, bitten sie ihn um Verzeihung. Sie bringen ihre Beute durch den Hintereingang in die HĂŒtte, wobei sie von den Frauen mit rotem Erlensaft bespuckt werden. Bei der Zubereitung des Bratens dĂŒrfen die Frauen den BĂ€ren und die JĂ€ger nur durch Messingringe betrachten, weil das den Zauber unschĂ€dlich macht, der auf allem lastet.“

„Die Frauen erhalten nur Fleisch vom Hinterteil des BĂ€ren, wĂ€hrend die MĂ€nner sich am Rest des BĂ€renbratens gĂŒtlich tun dĂŒrfen“, ergĂ€nzte Marike. „Das galt letzte Nacht auch fĂŒr mich, trotz meiner hohen Position in der Siida. Und jetzt kommt das Spannendste, Kaija. Alle Knochen wurden gesammelt und nach dem Mahl in einem BirkenkĂ€stchen rituell beigesetzt. Dabei durfte kein Knöchelchen verloren gehen.“

Marike unterbrach ihre ErzĂ€hlung. Sie schwieg fĂŒr einen Moment und versank in tiefes Nachdenken.

„Lass mich raten“, sagte Kaija gespannt. „Eins hat gefehlt.“

„So ist es“, bestĂ€tigte Marike. „Ein Hund packte eine Rippe und machte sich damit auf und davon. Wir haben weder den verdammten Köter noch seine wertvolle Beute wiedergefunden. Man gab mir die Schuld an dem Dilemma – ich hĂ€tte es voraussehen und verhindern mĂŒssen. Aber nun war alles zu spĂ€t. Der BĂ€r musste unvollstĂ€ndig bestattet werden. Sein erzĂŒrnter Geist konnte nur versöhnt werden, indem ich ihm meinen Schamanenstein ĂŒberließ und diesen anstelle der verloren gegangenen Rippe mit allen anderen Knochen beerdigte.“ Sie machte eine Pause. „Aber das habe ich nicht.“

„Hast du nicht?“, rief Kaija entsetzt.

„Nein. Ich habe den Amethyst nicht in das Grab gelegt. Ich bin mir sicher, der BĂ€rengeist wollte genau das, aber ich brauche den Stein noch einmal, nur fĂŒr diese letzte Nacht. Ich möchte nĂ€mlich gern die Geschichte der Schamanin Alda Akko nacherleben, die so große Zauberkraft hatte, dass sie die russische Insel Aainaisuollok fĂŒr ihre Sippe stehlen wollte.“

„Du weißt, dass der russische Schamane mĂ€chtiger war als sie?“ wandte Kaija ein.

„Ja, das weiß ich. Als Alda Akko ihren Gesang anstimmte, wurde jener Schamane wach und sah, wie sich seine Insel gen Samiland bewegte und wie statt dessen die minderwertige Insel Vaojavumsuolo auf die russische KĂŒste zusteuerte. Das konnte er nicht zulassen. Aainaisuollok war reich an Engelwurz, Robben und Vogeldaunen, alles Sachen, mit denen die Menschen damals etwas anzufangen wussten – und Vaojavumsuolo war so wertlos wie ein alter Knochen.“

Marike schwieg. Dann sagte sie: „Ja, der russische Zauberer war stĂ€rker als Alda Akko. Er stoppte den Inselaustausch und bestrafte seine Gegnerin – er verwandelte sie und ihren treuen Hund in graue Steine, die noch heute an der OstkĂŒste der Varangerhalbinsel zu sehen sind.“

„Und du willst trotzdem in Alda Akkos Haut schlĂŒpfen?“, fragte Kaija unbehaglich. „Es könnte lebensgefĂ€hrlich sein. Ich glaube, dein BĂ€r ist seit der letzten Nacht nicht gut auf dich zu sprechen. Und nicht nur das! Ein bisschen weiß ich nĂ€mlich auch ĂŒber Schamanenreisen Bescheid - du darfst dabei nichts fordern, du kannst eigentlich nur höflich bitten, wenn ĂŒberhaupt. Es ist riskant, wenn du es noch mal versuchst. Ein Herzinfarkt aufgrund der Überanstrengung ist das Mindeste.“

„Nur, wenn es zu lange dauert und du mir zuletzt nicht hilfst“, widersprach Marike in beschwörendem Ton. „Ich habe es mir genau ĂŒberlegt, es kann eigentlich gar nichts schiefgehen. Ich bleibe allein im Zelt und spiele die SchamanengesĂ€nge ab, die du ja auch schon gehört hast. Dabei begebe ich mich in Trance. Meine Reise soll diesmal nicht lĂ€nger dauern, als die CD spielt. Wenn sie verstummt ist, weck mich bitte auf. Ich denke, dass ich so allem Übel entgehen kann - dem Ärger mit dem BĂ€rengeist und der Versteinerung auch. Ich möchte mich ja nur ein einziges Mal so mĂ€chtig fĂŒhlen wie Alda Akko - ich glaube nĂ€mlich, dass das eine unglaublich coole Erfahrung sein wird. Danach werde ich den BĂ€renstein beerdigen, genau da, wo ich ihn gefunden habe. Ich verspreche es.“

Kaija war es zwar nicht recht, aber sie ließ Marike allein im Zelt zurĂŒck. Sie wartete einen Moment beim Boot, bis sie hörte, wie die Trommel erklang. Dann begann auch die CD zu spielen.

Marike hatte ihre letzte Reise begonnen.

Kaija verließ ihren Horchposten und ging ins Haus. Sie setzte sich an den Tisch, öffnete ihren Sammelordner und blĂ€tterte ein bisschen in den Mythen und Legenden. Sie freute sich ĂŒber ihre Studienergebnisse. Ole Iversen wĂŒrde sie ganz sicher dafĂŒr loben! Als sie den Kopf hob, um zum Schamanenzelt hinĂŒberzusehen, in dem sie Marike in Trance wusste, fiel ihr Blick auf den Brief des Professors, der noch immer auf dem Fensterbrett lag. Sie holte ihn, setzte sich wieder an den Tisch, öffnete den weißen Umschlag, der kaum noch klebte, und begann zu lesen:

„Hallo, ihr zwei,

wenn ihr euch an meine Anweisung gehalten habt, dann ist heute der letzte Tag eures Forschungsaufenthaltes angebrochen. Ich bin mir sicher, dass ihr voller Fleiß eine FĂŒlle von Mythen und Legenden zusammengetragen habt. Jede von euch wird mir in wenigen Tagen ihre Sammelergebnisse vorlegen ...“

Kaija ließ das Papier nachdenklich sinken. Sie wusste genau, was darin geschrieben stand. Wieder und wieder hatte sie den Schluss des Briefes studiert, seitdem sich Marike vor zwei Monaten jede Nacht in das Zelt zurĂŒckgezogen hatte. Bis heute war sich Kaija vollkommen sicher gewesen, wer von ihnen die einzige Doktorandenstelle bekommen wĂŒrde, die der Professor ihnen in seinem Schreiben anbot. In AbhĂ€ngigkeit von den Forschungsergebnissen, natĂŒrlich. Freilich, jetzt sah die Angelegenheit anders aus als noch vor einer Stunde ... Kaija betrachtete nachdenklich den dicken Ordner, den sie so fleißig mit Legenden und Mythen gefĂŒllt hatte. In ihrem Kopf begannen die Gedanken Achterbahn zu fahren.

„Jede von euch wird mir in wenigen Tagen ihre Sammelergebnisse vorlegen.“

Draußen sang die Schamanentrommel ihr Lied, erst langsam, fast gemĂ€chlich, dann immer schneller, in einem rasanten, fordernden Rhythmus. Marike beherrschte das Instrument inzwischen wirklich gut. Sie war eben clever, obwohl sie blond war. Blond von Natur aus, wie sie gern betonte. Eine hĂŒbsche Hexe, die ihren Doktor unter Iversens Anleitung machen wĂŒrde, wĂ€hrend sie, Kaija, leer ausging!

Die junge Frau spĂŒrte, wie eine rasende Wut in ihr aufkochte, so schnell wie Marikes Trommelwirbel, und so teuflisch heiß, dass es ihr fast den Atem raubte. Ihre HĂ€nde, die immer noch den Brief festhielten, wurden schweißnass, ihr Herz klopfte so heftig gegen die Rippen, als ob sie einen Marathon absolviert hĂ€tte, und irgendwie stimmte das ja auch. So viele Stunden und Tage, bis zum Abwinken gefĂŒllt mit Arbeit, die sie alleine gemeistert hatte, tausende gefahrene Kilometer quer durch Lappland, ohne dass Marike sie am Steuer mal abgelöst hĂ€tte, hunderte von schmerzenden MĂŒckenstichen und ein emotionsloser Computer als einziger Freund und Helfer. Sollte das denn alles umsonst gewesen sein?

Kaijas Kopf schmerzte, dabei war sie Kopfschmerzen gar nicht gewöhnt. Ob die vom Nachdenken kamen? Bestimmt war es so. Sie legte Iversens Brief zur Seite und schloss den dicken Sammelordner. GrundgĂŒtiger Himmel, ihr Kopf brummte, als ob alle MĂŒcken Lapplands darin ein TĂ€nzchen auffĂŒhren wĂŒrden. So seltsam wie jetzt hatte sie sich noch nie gefĂŒhlt!

Ich will etwas trinken, dachte sie, dann geht es mir bestimmt bald besser.

Kaija irrte sich. Die blöden MĂŒcken mutierten in ihrem Kopf zu zornigen Hornissen, und eine Kopfschmerztablette besaß sie nicht. Es tat verdammt weh unter der SchĂ€deldecke, und es wurde immer schlimmer. War es möglich, dass einem der SchĂ€del platzen konnte? Wimmernd ließ sich Kaija auf den Fußboden sinken. Sie rollte sich wie ein Fötus zusammen, die HĂ€nde gegen die schmerzenden SchlĂ€fen gepresst. Ihr war so heiß, vermutlich bekam sie Fieber. Draußen rief das Lied der Schamanentrommel unermĂŒdlich die Geister Lapplands herbei, sie klang immer fordernder und lauter und quĂ€lte Kaijas Ohren. Wo gab es Stille und Erlösung? Sie floh in die Schlafkammer und verkroch sich unter der Bettdecke, aber es nĂŒtzte nichts.

Was konnte sie bloß tun? Ihre Gedanken fĂŒgten sich in ihrem Kopf so schneckenmĂ€ĂŸig langsam zu einem sinnvollen Plan zusammen, als ob sie zu diesem Zweck durch zĂ€hen Honig kriechen mĂŒssten. So denkfaul war sie doch sonst nicht! Endlich fiel es ihr ein. Es war eigentlich ganz einfach. Wieso war sie nicht gleich auf diese Lösung gekommen? Sie musste abreisen, diesen verfluchten Ort verlassen! Und zwar sofort!

Nachdem Kaija diesen Entschluss gefasst hatte, war ihr, als ob es sie plötzlich doppelt gab und als ob jenes andere Ich sie schweigend und emotionslos beobachtete, wĂ€hrend sie hastig ihren wertvollen Sammelordner und ein paar Klamotten in ihre Tasche stopfte. Und was Marikes letzte Bitte anging, so war die Sache ja wohl klar - warum sollte Kaija einem wĂŒtenden BĂ€rengeist ins Handwerk pfuschen? Sie dachte nicht mal im Traum daran. FĂŒr die Welt wĂ€re es sowieso kein Verlust, wenn so ein GeisterbĂ€r die blonde Hexe fressen wĂŒrde. Und fĂŒr sie – Kaija – wĂ€re es ein Gewinn!

Die junge Frau warf sich den Rucksack ĂŒber die Schulter. Sie hatte die einzig richtige Entscheidung getroffen, daran gab es keinen Zweifel. Hier bleiben bedeutete, nicht nur die Kopfschmerzen, sondern womöglich auch Marikes Triumpf ertragen zu mĂŒssen. Und dazu hatte sie weiß Gott keine Lust!

Die HaustĂŒr krachte hĂ€sslich scheppernd ins Schloss, als Kaija hinausstĂŒrmte. Sie ließ den AutoschlĂŒssel aus NervositĂ€t zweimal in den Sand fallen, bevor es ihr endlich gelang, die AutotĂŒren mit der Fernsteuerung zu öffnen. Nachdem sie die KofferraumtĂŒr des Volvos hochgestemmt hatte, verstummte das rhythmische Trommeln wie durch Zauberei. Die junge Frau verharrte reglos, ihre FĂŒĂŸe wurzelten im Moorboden, alle ihre Sinne waren angespannt. War es jetzt mit Marike vorbei? Oder etwa nicht? Nein, nachsehen wĂŒrde sie nicht, und wozu auch? Wenn Timo die AbfallsĂ€cke holte, wĂŒrde er die Leiche schon zu finden wissen!

Mit dem Schweigen der magischen Trommel senkte sich zugleich eine große Stille ĂŒber den See und der Himmel verfĂ€rbte sich blutrot, als ob er weinen wollte. Doch Kaija achtete nicht auf die Warnsignale der Geister. Sie drehte sich nicht einmal mehr um, um ein letztes Mal zum Schamanenzelt zurĂŒckzublicken.

Und das war ihr Fehler.

Der zwei Meter große BĂ€r, der sich Kaija lautlos genĂ€hert und sich in seiner ganzen majestĂ€tischen GrĂ¶ĂŸe hinter ihrem RĂŒcken aufgerichtet hatte, wartete geduldig, wĂ€hrend sein ahnungsloses Opfer umstĂ€ndlich die Tasche im Heck verstaute und die Kofferraumklappe zufallen ließ. Karhu schlug erst zu, nachdem Kaija sich zu ihm umgedreht hatte, und das tat sie nur deshalb, weil sie seinen heißen Atem im Nacken gespĂŒrt hatte.

Erst glaubte die junge Frau nicht, was da sah, dann rief sie panisch um Hilfe, doch niemand kam, um sie zu retten, und zum Weglaufen war es zu spĂ€t. Erbarmungslos zerrissen Karhus Pranken ihre Kleidung samt der Haut. Blut spritzte auf das Auto und gegen das braune Fell des BĂ€ren. Kaija schrie vor Schmerz und Verzweiflung so laut, wie sie nur konnte. Mit ihren bloßen HĂ€nden versuchte sie die weißen FangzĂ€hne des GeisterbĂ€ren abzuwehren, die nach ihrer Kehle schnappten. Ihr Kampf war kurz und zwecklos. Vor Karhus Todesbiss raubte ein gnĂ€diger Gott Kaija die Besinnung. Daher blieb ihr auch die Erkenntnis erspart, dass die Schamanentrommel ihre Arbeit wieder aufgenommen hatte und den grollenden BĂ€ren mit einem leisen, lockenden Stakkato zum Schamanenzelt zurĂŒckrief.

Marianne Thiele

 

 

Last Updated (Saturday, 27 October 2018 17:33)