Die w├╝tende Drachenmutter von Neubrandenburg

Als es seinerzeit zwischen Stavenhagen und Neubrandenburg noch Drachen gab, soll sich dort die folgende Geschichte zugetragen haben.

Damals sonnte sich zur Erntezeit ein junger Drache auf der Landstra├če. Das unerfahrene Drachenkind schlief ein, und so bemerkte es nicht, dass sich ein Fuhrwerk in schneller Fahrt n├Ąherte. Der Knecht, der den Einsp├Ąnner lenkte, sollte Heu nach Neubrandenburg bringen. Er sah wohl, dass da etwas Braunes und Knorriges auf dem Landweg lag, doch er meinte, es w├Ąren nur trockene ├äste. Das Pferd z├Âgerte zwar und wollte dem seltsamen Holz ausweichen, doch der Knecht duldete das nicht. Er gab dem Rappen die Peitsche und lie├č den schweren Heuwagen ├╝ber das Hindernis hinweg rollen.

Aber was da unter den eisernen R├Ądern knackte, waren gar keine ├äste, sondern die Knochen des ungl├╝cklichen Drachenkindes. Schwer verletzt schrie es um Hilfe. Der Knecht beachtete die kl├Ąglichen Rufe nicht. Er setzte seine Fahrt fort, ohne eine Spur von Mitleid zu zeigen.

Die Drachenmutter, die im Wald auf Jagd war, h├Ârte die schmerzlichen Hilferufe ihres Jungen. Sie eilte herbei, so schnell sie es vermochte. Doch noch bevor sie die Landstra├če erreichen konnte, verstummten die Schreie. Das Drachenkind hatte seine schlimmen Verletzungen nicht ├╝berlebt.

Voll gerechtem Zorn jagte die Drachenmutter dem Heuwagen hinterher. Der erschrockene Knecht rettete sich mitsamt dem Fuhrwerk durch das Treptower Tor. Da belagerte die Drachenmutter die Stadt Neubrandenburg. Sie wollte bittere Rache f├╝r ihr ermordetes Kind. Nun konnte niemand mehr die Stadt betreten oder verlassen.

Aber die B├╝rger hatten Gl├╝ck, denn zuf├Ąllig war gerade der tapfere Ritter Georg bei ihnen zu Gast. Er zog sein Schwert und forderte die w├╝tende Drachenmutter vor dem Treptower Tor zum Zweikampf heraus. Es wurde ein schwerer Waffengang. Einen Tag und eine Nacht lang tobte der erbitterte Streit zwischen Mensch und Lindwurm unentschieden hin und her.

Als die Morgensonne rot wie Blut ├╝ber der Neubrandenburger Wehrmauer aufging, gelang Ritter Georg der entscheidende Schlag. Er hieb der Drachenmutter den Drachenschwanz ab. Ohne ihn vermochte sie nicht zu gewinnen, denn er war der Hort ihrer Magie und St├Ąrke. So verlor sie den Kampf und auch ihr Leben. Aus Dankbarkeit erbauten die Neubrandenburger dem Ritter an dem Ort eine Kapelle, wo die w├╝tende Drachenmutter besiegt worden war.

Neu erz├Ąhlt von Marianne Thiele

 

 

Last Updated (Saturday, 27 October 2018 16:39)