Abenteuer im Gruselhaus

(Short Story fĂŒr Tiefreunde)

Hast du schon einmal eine richtige Gruselgeschichte gelesen? Ich meine, so eine, wo aus dem Spiegel ein blutrĂŒnstiges Monster springt oder wo ein Vampir zĂ€hnefletschend an der HaustĂŒr klingelt und dich zum Essen abholen will?

Klar, wirst du sagen. Solche abgefahrenen Geschichten kennt doch jeder!

Stimmt, mein Freund. Jeder hat so was Gruseliges schon mal gelesen und hinterher hat er vielleicht sogar gedacht: So was möchte ich auch mal erleben!

Ich habe es erlebt. Und deshalb schreibe ich jetzt alles so auf, wie es wirklich passiert ist. Denn erzÀhlen kann ich es keinem. Nicht mal der Minni, obwohl die meine beste Freundin ist.

Eigentlich ist sowieso die Minni an allem schuld. Angefangen hat es nĂ€mlich damit, dass sie mich vor drei Wochen angerufen hat. Ich ĂŒberlegte zu dem Zeitpunkt gerade, wie ich einen langweiligen Sommerferientag interessanter machen könnte. Mir ist aber nichts Rechtes dazu eingefallen. Da klingelte das Telefon, und als ich erfreut den Hörer abnahm, hing die Minni am anderen Ende dran.

„Du, Evi“, hat sie geflötet, „du liest doch gern Gespenstergeschichten?“

Das war eine ausgesprochen doofe Frage, weil das schließlich jeder von mir weiß.

„Hm. Sag schon, was du willst“, versetzte ich deshalb ungnĂ€dig.

„Ich will eine Wette mit dir abschließen. Und die hat was mit Mut und mit Gruseln und mit Gespenstern zu tun. Ist also genau dein Fachgebiet! Warte - ich komme mal schnell zu dir rĂŒber!“

Ich wurde hellhörig. Eine halbe Stunde spĂ€ter hockte Minni bei mir in der KĂŒche, aß ungehemmt meine liebsten Schokoladenbonbons und erklĂ€rte mir dabei laut schmatzend ihr Vorhaben.

„Du weißt doch, dass meine Großeltern in Mersekow wohnen“, sagte sie. „Ist eine verdammt einsame Gegend, aber fĂŒr meinen Plan ist das genau richtig. Es gibt dort ein leerstehendes Gutshaus, ein bisschen abseits vom Dorf. Da drin wohnt schon seit Ewigkeiten niemand mehr. Aber die Gemeinde kann es nicht verkaufen, und es will auch niemand was mit dem GrundstĂŒck zu tun haben, obwohl ein richtiger Park dazu gehört und ganz viel Land.“

„Warum erzĂ€hlst du mir das alles, Minni?“

„Weil ich mit dir wette, dass du es keine 24 Stunden allein in dem leeren Gutshaus aushĂ€ltst!“

Ich musste lachen. Was war das fĂŒr eine komische Idee! „Wenn das dein toller Vorschlag sein soll, dann schenke ich ihn dir“, sagte ich spöttisch. „Die Wette kannst du getrost mit jemand anders abschließen, aber nicht mit einem Spezialisten fĂŒr Gruseln, wie ich es bin!“

„Du, Evi – man sagt aber, dass es in dem Gutshaus jede Nacht spukt!“

Es verschlug mir die Sprache. Nachdem ich sie wiedergefunden hatte, rief ich: „So`n Quatsch, Minni! Ich lese zwar jede Menge Gespenstergeschichten, aber deshalb glaube ich doch noch lange nicht an Geister mit weißen Bettlaken!“

„Dann kannst du ja die Wette annehmen.“

Ich merkte, dass Minni es ernst meinte. „Zu welchen Bedingungen?“, fragte ich.

„Erlaubt sind ein Schlafsack, ein Lieblingsbuch, Lebensmittel, das Handy und eine Taschenlampe. Ich ruf dich um Mitternacht an, damit ich weiß, ob du noch durchhĂ€ltst. Wenn du es schaffst, schenke ich dir einen von Majas Welpen!“

Maja ist eine schwarz-weiße MischlingshĂŒndin. Sie gehört Minni, und die wusste natĂŒrlich, wie gern ich ein Hundebaby aus ihrem Wurf haben wollte. Die Kleinen waren da gerade 14 Tage alt und irre sĂŒĂŸ. Ich spĂŒrte, wie mein Widerstand scheibchenweise zerbröckelte.

„Abgemacht“, sagte ich. „Ich bleibe also 24 Stunden in dem blöden Gespensterhaus, und dafĂŒr krieg ich einen Hund. Und was ist, wenn ich es nicht schaffe?“

„Dann krieg ich eine Riesenpackung Schokobonbons von dir!“, sagte sie und stopfte sich kichernd den letzten aus meiner TĂŒte in ihren gefrĂ€ĂŸigen Mund.

Schon am nĂ€chsten Tag hatten wir die Erlaubnis unserer Eltern - fĂŒr einen Besuch in Mersekow. Das Wetter war gut. Wir fuhren die 30 km mit den FahrrĂ€dern und richteten es so ein, dass wir gegen Abend ankamen. Bei den Großeltern hatte sich nur die Minni angemeldet. Ich brauchte ja keine Unterkunft!

Der Zugang zum „Spukhaus“ fĂŒhrte durch den alten Gutspark. Wir radelten eine schöne Kastanienallee entlang. Die Abendsonne fĂ€rbte den Himmel romantisch rot. Ich war wider Willen beeindruckt.

„Kaum zu glauben, dass niemand das Haus und das viele Land haben will“, wunderte ich mich. „Wenn das hier alles dazu gehört – der Park, die Allee und sogar der See da drĂŒben, dann ist das doch ein SchnĂ€ppchen.“

„Interessenten gibt es genug“, behauptete Minni. „Aber sie wollen kein Spukhaus kaufen!“

Mit diesen Worten erreichten wir unser Ziel. Vor dem Hofeingang fiel mir ein Schild auf:

Haus mit Park und See zu verkaufen.

VHB: nur 500,- €!

Es kam mir ziemlich billig vor, und dieses GefĂŒhl hĂ€tte mir eigentlich eine Warnung sein sollen, die alberne Wette schnellstens zu vergessen ... Wir stiegen von den RĂ€dern und checkten sicherheitshalber erst mal die Lage.

Menschen schienen außer uns keine da zu sein. Eine verwilderte Rosenhecke schĂŒtzte das Gehöft vor neugierigen Blicken. FĂŒr unsere nicht ganz lupenreinen Absichten war das natĂŒrlich ideal. Der Gutshof sah ziemlich verwahrlost aus. Das Unkraut hinter dem kaputten Zaun stand kniehoch. Trotzdem konnte ich noch einige Wege erkennen, die einst zu den Stallungen und zu den beiden Schuppen gefĂŒhrt hatten. Über dem Haus kreisten KrĂ€hen. Sie krĂ€chzten verĂ€rgert, als wir nĂ€her kamen. Ich ignorierte sie und sah mir lieber das GebĂ€ude genauer an. Es handelte sich um einen unterkellerten weißen Fachwerkbau mit zwei Stockwerken, einem baufĂ€lligen Balkon, auf dem sogar schon eine kleine Birke ungestört herangewachsen war, und zwei kleineren Erkern. An der Vorderfront zĂ€hlte ich sechs Fenster. Sie waren geschlossen, die Gardinen waren zugezogen. Etwas Gruseliges konnte ich bis jetzt nirgendwo erkennen.

„Den Hund kannst du schon mal fĂŒr mich vormerken“, sagte ich zu meiner Freundin. Aus heutiger Sicht war das eine ziemlich leichtfertige Bemerkung. Wir drĂŒckten die gusseisernen TorflĂŒgel mit gemeinsamer Kraft auseinander, passierten den verunkrauteten Hauptweg zum Haus zu Fuß und lehnten die FahrrĂ€der neben der Freitreppe gegen die Hauswand.

„Hallo! Ist jemand hier?“, schrie Minni plötzlich. So dreist ist sie immer, darĂŒber wundere ich mich schon nicht mehr. Auf dem Hof blieb es still. „Alles in Ordnung. Komm, wir gehen rein!“

Wir stiegen die Freitreppe hinauf. Ich zĂ€hlte 13 steinerne Stufen. Der Wind hatte sie in jahrelanger Arbeit großzĂŒgig mit trockenen BlĂ€ttern und jeder Menge Sand dekoriert. Er knirschte ein bisschen unter unseren Schuhen, denn natĂŒrlich fegte hier niemand etwas fort. An vielen Stellen bröckelte das Mauerwerk ab. Ich war ĂŒberrascht, dass die EingangstĂŒr nicht mal abgeschlossen war. Sie knarrte laut, als wir sie aufdrĂŒckten. In den Scharnieren saß garantiert der Rost. Ich erkannte, dass das TĂŒrblatt mal grĂŒn und gelb gestrichen gewesen war. Aber die meiste Farbe hatte der Zahn der Zeit lĂ€ngst abgenagt.

„Bitte schön, hier ist dein Zuhause fĂŒr die nĂ€chsten vierundzwanzig Stunden“, verkĂŒndete Minni erwartungsvoll. Sie sah mich mit großen Augen an, in denen die Neugier förmlich brannte. Bestimmt hatte sie mit sich selbst gewettet, dass ich spĂ€testens in diesem Moment kneifen wĂŒrde.

Oh, hÀtte ich das doch getan!

Aber natĂŒrlich kam mir so ein feiger Gedanke nicht mal ansatzweise in den Sinn. Stattdessen erwiderte ich cool: „Solange wie der Dorfpolizist nichts dagegen hat, bleibe ich hier, wie abgemacht. Wir sehen uns morgen wieder!“

Meine Stimme zitterte kein bisschen. In dieser Bruchbude wĂŒrde sich niemand blicken lassen, weder ein Gespenst noch ein Polizist. Beide hĂ€tten garantiert viel zu viel Angst davor, dass ihnen ein Dachziegel auf den Kopf fallen könnte. Furchtlos trug ich meinen Schlafsack in die Eingangshalle. Den Rucksack stellte ich daneben.

„Ach, quatsch. Vergiss die Polizei. Die kommt hier nie vorbei“, versicherte Minni. „Vom Gespenst wĂŒrde ich das allerdings nicht behaupten. Mit dem hast du heute Nacht garantiert noch ein Date!“

GroßzĂŒgig ĂŒberließ sie mir ihr letztes KĂ€sebrötchen und gab mir zum Abschied die Hand. „Na, dann: Topp! Die Wette gilt! Morgen um ...“ – hier verglichen wir die Uhren – „21.00 Uhr hole ich dich wieder ab.“

Nun war ich auf mich allein gestellt. Ich beschloss, zuerst einen passenden Platz fĂŒr meine Nachtruhe auszuwĂ€hlen. Und zwar solange, wie es noch hell war! Nach reiflicher Überlegung entschied ich mich fĂŒr ein Zimmer im Parterre, dessen gardinenverhangenes Fenster auf den Hof wies. Die Einrichtung entsprach mit einem Tisch, drei verstaubten Sesseln und einer altersschwachen Couch genau meiner Vorstellung von Bequemlichkeit. An der Decke hing ein messingfarbener Kronleuchter mit sechs Armen, aber fĂŒr den hĂ€tte ich Kerzen gebraucht, deshalb nĂŒtzte er mir nichts. Die StubentĂŒr fĂŒhrte zur Eingangshalle. Das war mir ganz recht. Immerhin konnte ich ja in Ermanglung von SchlĂŒsseln das Haus nicht abschließen.

Nach der anstrengenden Radtour fĂŒhlte ich mich rechtschaffen mĂŒde. Wie es im 1. Stock, auf dem Dachboden oder im Keller aussah, interessierte mich heute nicht mehr. „Ich werde dir wohl nicht viel zu erzĂ€hlen haben, liebe Minni“, sagte ich gĂ€hnend. „Außer einigen Spinnen und KĂ€fern lĂ€sst sich hier auch nicht das klitzekleinste Abenteuer blicken. Also dann: Gute Nacht!“ Inzwischen war es 21.00 Uhr. Draußen wurde es dunkel. Ich rollte meinen Schlafsack auf der Couch aus, und ohne mich umzukleiden, kroch ich hinein, um mich endlich dem wohlverdienten Schlummer hinzugeben.

Nachdem ich alle AktivitĂ€ten eingestellt hatte und ganz ruhig dalag, hörte ich, wie das Haus lebte. Zuerst piepte es irgendwo. Eine Maus? In meinen Rucksack wĂŒrde sie wohl nicht hineinkommen, den hatte ich fest zugeschnĂŒrt. Ich lauschte auf das Knistern der alten Holzdielen, hörte etwas ĂŒber den Fußboden huschen und glaubte sogar einen Luftzug zu spĂŒren, der ĂŒber mein Gesicht hinwegstrich. Ich versuchte noch, das MĂ€uschen im Schein meiner Taschenlampe zu erspĂ€hen, aber es gelang mir nicht. Dann dĂ€mmerte ich weg.

Und damit fingen meine AlbtrĂ€ume an. Ich bildete mir zu dem Zeitpunkt noch ein, dass ich sie mir selber eingebrockt hĂ€tte. Sie begannen damit, dass ich Augen sah. Große, gelbe Augen mit schwarzen Pupillen. Sie hingen an den WĂ€nden, sie klebten am Kronleuchter und sie saßen auf dem Tisch, sie starrten durchs Fenster – und immer hatte ich das GefĂŒhl, sie blickten mich an. Nicht etwa freundlich, nein, sondern böse und irgendwie – gierig. Wie Raubkatzenaugen. Ich wollte vor ihnen weglaufen, aber das ging nicht. Ich vermochte mich nicht von der Stelle zu rĂŒhren. Ich konnte ihnen nicht entkommen. Da schrie ich im Schlaf, und mein Schreien erlöste mich von diesem seltsamen Traum.

Ich muss zugeben, dass ich hinterher vor Angst klitschnass war. Hatte Minni vielleicht doch recht? Spukte es in diesem Haus wirklich? Ich knipste die Taschenlampe an und leuchtete das Zimmer systematisch ab. Es war nichts Ungewöhnliches zu sehen. Ein Blick auf meine Armbanduhr verriet mir, dass ich nur eine Stunde geschlafen hatte. In zwei Stunden war es Mitternacht. Da wollte mich doch meine Freundin per Handy anrufen! Ich begann mittlerweile zu ahnen, dass ich wohl nicht viel Ruhe bekommen wĂŒrde.

Seufzend legte ich mich wieder hin. Der Schlaf holte mich sofort wieder ein, denn schließlich war ich hundemĂŒde. Diesmal erlebte ich eine seltsame Verwandlung. Ich befand mich nĂ€mlich nicht mehr in meinem eigenen Körper, und es dauerte eine Weile, bis ich merkte, dass ich die Traumwelt mit den Augen einer Katze sah. Ich strich durch Hinterhöfe und durch GĂ€rten, ich traf mich mit anderen Katzen und fĂŒhlte mich im Großen und Ganzen recht zufrieden. Bis der Wagen kam. Es war ein weißer Lieferwagen und er bedeutete Gefahr. Sobald er in meinem Traum auftauchte, wurde ich erbarmungslos gejagt. Mit Gift, mit Netzen, mit Fallen und mit Hunden stellte mir der TierfĂ€nger nach. Die Hetzjagd dauerte lange, aber schließlich packte er mich. Er steckte mich in einen Sack und warf mich in den Wagen, in dem schon viele andere Leidensgenossen saßen. Man brachte uns zu einem Haus, das mir irgendwie bekannt vorkam. Dort sperrte man uns in enge KĂ€fige. „Was geschieht mit uns?“, fragte ich eine schwarze Katze, die mit mir ein Gehege teilte. „Experimente ...“, sagte sie unsicher. Plötzlich fanden wir uns in einem Labor wieder. Die Tiere um mich herum schrien vor Angst. Ich schrie noch lauter als sie alle und mein verzweifelter Schrei holte mich zurĂŒck in die Wirklichkeit.

Ich flog vor Entsetzen am ganzen Leibe. Licht! Jetzt wollte ich Licht! Ich knipste hastig die Taschenlampe an und diesmal sah ich eine Maus – auf meinem Rucksack. Ich warf einen Schuh nach ihr. Fiepend floh sie in ihr Loch. Trotzdem war ich dem frechen Nagetier fĂŒr sein Erscheinen dankbar, denn es hatte mir fĂŒr einen Moment Ablenkung geschenkt. Und die tat mir gut.

Himmel, was war das fĂŒr ein verrĂŒckter Traum gewesen! Wieso musste ich als Katze durch die Gegend rennen? Ich konnte mich an jede einzelne Szene erinnern, so genau, als hĂ€tte ich einen Film gesehen. Da klingelte zu allem Überfluss das Handy. Minni war dran. Ich tat so, als ob sie mich aus dem schönsten Schlummer gerissen hĂ€tte und wimmelte sie schnell ab: „... und TschĂŒss!“ Ich musste dringend ĂŒber gewisse Sachen nachdenken, aber dazu brauchte ich Ruhe. Folgendes fiel mir ein:

Punkt 1: Ich hatte AlbtrĂ€ume, seit ich versuchte, in diesem Zimmer zu schlafen, das war unbestritten. Vielleicht bekam mir die Luft hier drin nicht? Sie war abgestanden und muffig. Aber dagegen konnte ich ja was tun, ich brauchte bloß das Fenster zu öffnen.

Punkt 2: Gespenster hatte ich bisher keine entdeckt. Also konnte ich mir weiterhin gute Chancen auf einen kleinen Hund ausrechnen. Ich musste bloß zusehen, dass ich besser schlafen konnte!

Punkt 3: Ich fĂŒhlte mich ziemlich k.o. Die liebe Minni anrufen und zugeben, dass ich mich doch ein wenig gruselte, wĂ€re aber Wasser auf ihre MĂŒhle gewesen. Ich hĂ€tte die Wette verloren. Und Schokobonbons sind nicht gerade billig, jedenfalls nicht solche Riesenmengen, an die sie fĂŒr gewöhnlich denkt.

Es gab summa summarum nur eine Möglichkeit – ich musste unsere Wette unbedingt gewinnen! Ich ging zum Fenster, um endlich das muffige Zimmer auszulĂŒften. Der Mond verbarg sich hinter einer dichten Wolkendecke. Und die Nacht war nicht leise. Irgendwo bellten Hunde. Ein leichter Wind fuhr durch die KastanienbĂ€ume und ließ die BlĂ€tter aneinander rascheln. Ich hörte ein KĂ€uzchen rufen: Kuwitt! Kuwitt! In den BĂŒschen auf dem Hof huschte etwas umher, es war wohl ein kleines Tier. Ganz in der NĂ€he miaute eine Katze. Zum ersten Mal kam mir der Gedanke, dass Minni vielleicht gar nicht weggefahren war, sondern darauf lauerte, mich zu erschrecken. Ich rief ihren Namen, erst leise, dann lauter. „Minni? Melde dich! Ich weiß, dass du da draußen bist!“ NatĂŒrlich kam keine Antwort. Trotzdem hörte ich genau, dass etwas die Freitreppe hinaufschlich. Ich richtete den Schein der Taschenlampe auf die verdĂ€chtige Stelle, aber wieder vergeblich. Ein Blick auf die Uhr belehrte mich, dass noch immer Geisterstunde war. Ich ließ das Fenster auf, kroch zum dritten Mal in dieser Nacht in meinen Schlafsack und schwor mir, dass mich nichts mehr in meiner Ruhe stören sollte. Kein Geist, kein Traum und nicht mal die Minni, falls sie hier doch irgendwo herumschlich!

Der dritte und letzte Traum fĂŒhrte mich auf eine Party, und zwar auf einen Karneval der Tiere. Er fand wieder in jenem Haus statt, das mir irgendwie vertraut vorkam. In allen RĂ€umen gab es Musik, Tanz und Ansprachen. Zu den geladenen GĂ€sten zĂ€hlten nur Hunde, Katzen, Affen, Ratten und MĂ€use. Sie trugen Faschingskleider. Ich kann ĂŒbrigens nicht sagen, dass ich wieder eine Transformation erlebt hĂ€tte. Ich fĂŒhlte mich vielmehr wie ein stiller Beobachter, der zwar dabei ist, der aber alles mit einem gewissen Abstand betrachten kann. Auf dieser Feier flossen Unmengen von Alkohol, es gab riesige Mengen zu essen, doch ich weiß nicht mehr genau, was. Plötzlich fassten alle Tiere einander an die Pfoten. Mich nahmen sie in die Mitte. Wir tanzten in einer verrĂŒckten Schlange durch das ganze Haus, vom Dach bis in den Keller und wieder zurĂŒck. Wir zogen an KĂ€figen vorbei, in denen gefangene Menschen in weißen Kitteln saßen, wir tobten ausgelassen ĂŒber Tische und BĂ€nke. Schließlich verließen wir das Haus. Wir liefen ĂŒber den Hof, ohne einander loszulassen, und erreichten schließlich das Ufer eines kleinen Sees. Dort feierten die Tiere weiter, bis etwas Unerwartetes passierte: Zuerst fielen die Kleider von ihnen ab. Danach verloren sie ihr Fell, bis nur noch bleiche Gerippe im Mondschein umherhĂŒpften. Von irgendwoher schlug eine Uhr zwölfmal. Mit dem letzten Schlag sanken alle zu Boden und regten sich nicht mehr. Ich versuchte mit dem Handy meine Eltern anzurufen, aber die Telefonkarte war leer. Da warf ich das nutzlose Ding zu Boden und kehrte erschöpft zum Haus zurĂŒck.

Ich kam zu mir, weil etwas fauchend an meinem Schlafsack zog. Was war das? Mit meinen mĂŒden Augen konnte ich in der Dunkelheit nicht viel erkennen. FĂŒr mich stand nur fest, dass es noch nicht Morgen war und dass ich mal wieder gestört wurde. Verwirrt tastete ich nach der Taschenlampe. Sie war auf den Fußboden gefallen und ich brauchte einen Moment, um sie wiederzufinden. Wieder fauchte es. Ehe ich Licht hatte, sprang etwas Kleines von meinem Fußende und versteckte sich unter der Couch. „Komm sofort raus!“, rief ich. „Ich hab dich lĂ€ngst gesehen!“ Das stimmte zwar nicht ganz, aber mir war das jetzt egal. Vorsichtig leuchtete ich dem Eindringling hinterher. Im Schein der Taschenlampe entdeckte ich – eine Katze. Sie war schwarz, soweit ich das im Moment beurteilen konnte. Und sie fauchte mich zum dritten Mal warnend an.

„Na, erlaube mal!“, sagte ich verĂ€rgert. „Erst holst du mich aus meinem schwer verdienten Schlummer und dann spielst du auch noch die beleidigte Leberwurst?“

Das wirkte. Sie kam hervor, miaute einmal kurz und sprang zu mir auf die Couch.

„Kommst du allein oder hast du einen Sack Flöhe im GepĂ€ck?“, seufzte ich. Darauf erhielt ich aber keine Antwort. Und weil die Katze ganz still lag und ich nicht mehr die Kraft hatte, sie aus dem Fenster zu werfen, fiel ich endlich in einen tiefen, ungestörten Schlaf.

Ich wurde wach, weil mir die Katze zĂ€rtlich das Gesicht ableckte. Und das hat sie vermutlich getan, weil ich mich ja am vorigen Abend nicht gewaschen hatte und weil draußen lĂ€ngst die Sonne schien. Ich stand also auf, streichelte die Mieze, die wirklich ganz schwarzes Fell hatte, rieb mir die letzte MĂŒdigkeit aus den Augen und prĂŒfte den Inhalt meines Rucksacks. Die Maus war an den VerschlĂŒssen erwartungsgemĂ€ĂŸ gescheitert. Ich stellte Selters, zwei Klappstullen mit Leberwurst und zwei Streuselschnecken auf den Tisch. Da mir schon klar war, dass die Katze sich am FrĂŒhstĂŒck beteiligen wollte, gab ich ihr Minnis KĂ€sebrötchen. Es verschwand hĂ€ppchenwese und ziemlich zĂŒgig in ihrem Maul. „Es ist jetzt 9.00 Uhr“, sagte ich, wĂ€hrend ich mich zufrieden einer Leberwurststulle widmete. „Ich habe also genug Zeit, mir das blöde Spukhaus anzugucken, bevor die Minni kommt. Womit soll ich anfangen? Mit dem Keller oder mit dem Dachboden?“

Wie um mir einen Tipp zu geben, lief die Katze in die Halle. Gemeinsam besichtigten wir alle RĂ€ume. Im Parterre fand ich eine KĂŒche und den Haushaltsraum. Im ersten Stock entdeckte ich ein Arbeitszimmer und das Wohnzimmer. Das war aber lĂ€ngst nicht alles. Manche TĂŒren waren leider zugeschlossen, so dass ich nur raten konnte, was sich dahinter befand. In den Keller konnte ich auch nicht rein, weil er zugesperrt war. Auf dem Dachboden lag viel GerĂŒmpel, wie ich es nicht anders erwartet hatte: StĂŒhle und Tische, Teppiche, Gardinenreste, kaputte SchrĂ€nke und sogar ein paar BĂŒcher. Da es keine GruselbĂŒcher gab, verlor ich bald das Interesse.

Inzwischen war es Mittag geworden. Ich rollte meinen ausgelĂŒfteten Schlafsack zusammen, stopfte meine Sachen in den Rucksack und stellte dabei fest, dass mir das Handy fehlte. War es auf den Boden gefallen? Oder hatte ich es in Gedanken versunken lĂ€ngst eingepackt? Dreimal rĂ€umte ich meine wenigen Habseligkeiten ein und aus, aber das Handy fand ich trotzdem nicht.

Ich Àrgerte mich. Bestimmt hatte ich es irgendwo im Haus verloren. Nur wo?

Bis zum spĂ€ten Nachmittag suchte ich, doch ohne Erfolg. Auf dem Hausdach saßen wieder die KrĂ€hen. Sie schwatzten und guckten mir neugierig zu. Inzwischen klebte ich vor Schweiß. Da fiel mir der kleine See ein, der zum Gutspark gehörte. Dort wollte ich mich waschen. Ich ließ mein Fahrrad auf dem Hof zurĂŒck und wanderte das kleine StĂŒckchen zu Fuß. Der Katze schien es Spaß zu machen, wenn sie mich begleiten konnte, denn sie folgte mir noch immer auf Schritt und Tritt. Das Wetter war so schön wie gestern. Schnell erreichte ich das Ufer des Sees. Ich sah mich nach allen Seiten um, aber ich war allein. Da zog ich mich bis auf die UnterwĂ€sche aus. Ich wusch mir das Gesicht, die Arme und die Beine. Zum Abtrocknen benutzte ich meine beiden TaschentĂŒcher. Jetzt war mir wohler. Ich hĂ€ngte die TaschentĂŒcher zum Trocknen ĂŒber einen Strauch, legte mich ins Gras und dachte laut nach. „So ein verrĂŒcktes Zeug, wie ich es letzte Nacht getrĂ€umt habe, gibt es wohl kein zweites Mal“, sagte ich zu der Mieze. Ich erzĂ€hlte ihr alles und war selbst erstaunt, an wie viele Einzelheiten ich mich noch erinnern konnte. Doch mit der Traumdeutung hatte ich erhebliche Schwierigkeiten.

Plötzlich klingelte es. Aber das konnte doch nicht wahr sein? Ich sprang auf und folgte verblĂŒfft dem GerĂ€usch. Es war wirklich mein Handy, und es lag irgendwo hinter einem GebĂŒsch, mitten im Gras! Wie kam es bloß hierher? Ich wusste genau, dass ich es hier nicht verloren hatte! Als ich es in die Hand nahm, hörte das Klingelsignal auf. „Unbeantworteter Anruf“, stand auf dem Bildschirm, und darunter las ich Minnis Telefonnummer. Ich rief sie nicht zurĂŒck, sondern sah mich aufmerksam um. Ich bĂŒckte mich und wĂŒhlte ein wenig in der Erde. Was ich da zu finden hoffte, hĂ€tte ich nicht sagen können. Plötzlich stockte ich. Wenige Meter entfernt bemerkte ich ein steinernes Kreuz, wie man es sonst auf Friedhöfen findet. Ich ging hin, weil ich es mir genauer ansehen wollte. Die Inschrift lautete: Zur Erinnerung, darunter sah ich das Bild von einem Hund und einer Katze. Jemand hatte StiefmĂŒtterchen daneben gepflanzt.

War hier etwa ein Tierfriedhof?

Ich dachte an meinen dritten Traum. Ich hatte ja vergeblich versucht, mit dem Handy meine Eltern anzurufen. Danach hatte ich es verloren. Konnte es an dieser Stelle gewesen sein? Erschrocken begriff ich, dass ich Traum und Wirklichkeit nicht mehr auseinander hielt. Die schwarze Katze war mir inzwischen ans Grab gefolgt. Sie saß genau unter dem Kreuz und starrte mich schweigend an. Ihre Augen funkelten. Mir wurde unheimlich zumute. Mein Herz sank endgĂŒltig in die Hose. Ich wollte Minni anrufen, jetzt gleich, aber es ging nicht. Die Telefonkarte war leer. Ich drehte mich um und rannte wie von Geistern gehetzt davon. Nur weg von hier!

Als ich zehn Minuten spĂ€ter auf dem Gutshof stand, war ich schon wieder total in ekligen Schweiß gebadet, doch das war mir egal. Auf dem Hausdach saßen wieder die KrĂ€hen und beobachteten mich. „Blöde Viecher! Haut endlich ab!“, schrie ich. Ich warf einen Stein nach den schwarzen Gesellen, aber sie krĂ€chzten nur höhnisch. Und die Katze schien sich nun vor mir zu fĂŒrchten, denn sie hielt einen gewissen Abstand ein. Mir reichte es jetzt. Mein Bedarf an Gruseln und Abenteuern war fĂŒr die nĂ€chste Zeit gedeckt. Kein Wunder, dass kein Mensch dieses verhexte Gutshaus kaufen wollte! Wenn Minni mich jetzt gefragt hĂ€tte, ob ich die Wette aufgeben wollte, dann wĂ€re die Antwort bestimmt ein Ja gewesen. MĂŒde setzte ich mich auf die Treppenstufen. Hier wollte ich solange bleiben, bis meine Freundin mich erlöste.

Es dauerte noch eine ganze Stunde, bis ich endlich ihre Fahrradklingel hörte. „Ich hab dich mit dem Handy nicht erreicht!“, rief sie, wĂ€hrend sie auf den Hof rollte. Sie begrĂŒĂŸte mich herzlich, und dann erkannte ich, dass sie nicht allein war. Hinter ihr kam noch jemand herangeradelt. „Mein Opa“, erklĂ€rte Minni. „Komm, zieh nicht so eine Schmollschnute! Er weiß alles ĂŒber unsere Wette, aber er wird uns nicht verpetzen. Ehrenwort! Er sagt, dass du sehr mutig bist, weil du es hier ausgehalten hast. Und dass du den Hund auf jeden Fall kriegen musst, auch wenn die 24 Stunden noch nicht um sind!“

Opa Guntram stieg prustend vom Rad. Dann setzten wir uns ins Gras. Ich erzĂ€hlte ein bisschen von dem, was ich erlebt hatte. Die Katze erwĂ€hnte ich natĂŒrlich, denn sie schlich sowieso schon wieder um uns herum. Aber die TrĂ€ume behielt ich hĂŒbsch fĂŒr mich, und die Sache mit dem verlorenen Handy auch. Minni staunte mich trotzdem an. „Dass du dich getraut hast, durch das leere Haus zu gehen!“, sagte sie bewundernd. Opa Guntram nickte nachdenklich, als ob er ihr zustimmen wollte. „Ist dir hier eigentlich etwas Besonderes aufgefallen, mien Diern?“, fragte er. Weil mir nichts anderes einfiel, nannte ich das Kreuz. „Es ist wirklich ein GrabhĂŒgel“, bestĂ€tigte der Opa. „Da liegen Unmengen von Tierknochen. Schuld daran ist der letzte Besitzer dieses Hauses. Das war ein gewissenloser Kerl! Ein schlimmer Spitzbube! Er handelte lange Zeit mit Hunden und Katzen, die er an Versuchslabore verkaufte. Er hielt sie in engen KĂ€figen gefangen, bis er genug von ihnen beisammen hatte, um sie fĂŒr bares Geld zu verschachern. Viele Tiere starben ihm elend unter der Hand weg, weil er sich nicht genug um sie kĂŒmmerte. Die toten Tiere verscharrte er einfach im Gutspark. Man kam ihm aber schließlich auf die Schliche, weil hier in der Gegend andauernd die Haustiere auf unerklĂ€rliche Weise verschwanden. Da griff die Polizei ein.“

„Und wie war das mit dem Kreuz?“, fragte ich.

„Das Kreuz hat jemand vom Tierschutzbund aufgestellt. Die Blumen werden durch die Frauen aus unserem Dorf in Ordnung gehalten. Und hinter den beiden Schuppen liegen noch die Gitterteile von den KĂ€figen. Die rosten da vor sich hin, bis jemand das Haus kauft und sie endlich entsorgt.“

Die schwarze Katze guckte uns mit großen Augen aufmerksam an, als ob sie alles verstanden hatte. „Wir sollten sie mitnehmen“, sagte Opa Guntram. „Sie ist hier ganz allein. Wahrscheinlich stammt sie noch von den Tieren, die man freigelassen hat, weil man ihre Besitzer nicht mehr ermitteln konnte.“

„Krah! Krah!“, schrien die KrĂ€hen. Dann erhoben sie sich wie auf ein geheimes Kommando vom Hausdach und flogen ab, hinĂŒber zum See.

Ja, so war das. Das Ganze ist jetzt eine Woche her. Mir ist jetzt wohler, nachdem ich alles aufgeschrieben habe. Morgen bringt mir Minni einen kleinen Hund. Ich hoffe nur, dass er sich mit der Mohrle gut vertrĂ€gt. Ach so, ich habe ja noch gar nicht gesagt, wer das ist! Aber das ahnst du bestimmt schon. Ich habe die schwarze Katze natĂŒrlich selber behalten. Und seit es ihr bei mir gut geht, haben wir zwei auch keine AlbtrĂ€ume mehr!

Marianne Thiele

11/2017

Last Updated (Sunday, 09 December 2018 13:04)