Osterfest im Märchenreich

Schüttelmärchen

Siebenbart, der gute König des Märchenreiches, saß gerade vor seinem Frühstücksmüsli im Kleinen Königlichen Speisezimmer, als jemand an die Tür klopfte. Poch, poch! „Wer ist da? Herein, wenn’s nicht der Schneider ist!“

„Oh nein, Majestät, ich bin’s nur, Meister Isegrim, Euer treuer Erster Minister, und ich bringe Euch Eure königliche Morgenpost!“

Siebenbart legte gespannt seinen Löffel beiseite. „Lest vor, mein Bester. Was haben wir denn heute?“

Der Graue durchstöberte eifrig die Briefe und Postkarten. Dabei murmelte er: „Langweilig, unwichtig, igitt, kann man später lesen, bäh, schon dreimal abgelehnt – ah, aber hier – das ist neu, Majestät. Der Regendrache vom Fudschijama fragt an, ob er es zu Ostern regnen lassen darf. Mit Starkregenschauern und Hagelkörnern. Hm. Das find ich eigentlich blöd. Darf er das?“

„Nein – natürlich nicht!“, sagte Siebenbart ärgerlich. „Und was haben wir noch?“

„Post vom – äh - Osterhasen“, sagte der Wolf überrascht. „Hört selbst, Majestät. Der Osterhase richtet Euch seine besten Grüße aus und er möchte in diesem Jahr nicht nur den Menschenkindern, sondern auch den Märchenwaldbewohnern eine Freude machen. Deshalb will er im ganzen Märchenreich in der Nacht zum Ostersonntag seine Eier verstecken, damit wir sie in der Frühe finden können.“

„Ich darf also auch suchen? Und Ihr auch, mein Bester? Na, das ist doch mal was Gutes!“, rief Siebenbart erfreut. „Lasst sofort eine Königliche Bekanntmachung aushängen, damit alle Märchenwaldbewohner wissen, dass …“

Der Erste Minister fiel seinem Chef schnell ins Wort. „Aber nein, Hoheit! Genau das dürfen wir natürlich nicht! Wenn es alle schon vorher wissen, dann ist es doch keine Überraschung mehr!“

„Ist es nicht?“, erkundigte sich der König erstaunt.

„Leider nicht, Majestät. Das muss geheim bleiben! Aber ich werde dem Hasen ausrichten lassen, dass er gerne kommen kann.“

Damit war Siebenbart einverstanden. Der Wolf verließ leise kichernd den Speisesaal. Die Post nahm er mit, doch die Papiere rutschten in seinen Pfoten hin und her, und als er zur Tür hinauswollte, stieß er mit dem dicken grünen Küchenmeister Shrek zusammen, der seinem König gerade frische Milch bringen wollte. Der Isegrim verlor beim Zusammenprall einen seiner Briefe. Trotzdem rannte er mit wehendem Pelz davon. Shrek verzog sein Monstergesicht zu einem breiten Grinsen. „Der hat’s aber eilig“, dachte er. „Das müssen ja krasse Neuigkeiten gewesen sein! Na ja, nicht so schlimm. Ich geb dem Wolf seinen Brief später zurück.“

Am Ostermorgen stand Siebenbart früh auf. Er putzte sich mit seiner goldenen Zahnbürste die Zähne, kleidete sich in sein königliches Sonntagsgewand, setzte sich die Krone auf und wartete ungeduldig darauf, dass sich seine Untertanen über die Ostereier freuten.

Aber nichts geschah. Im Schloss, im Park und überall im Reich war es so still wie an jedem gewöhnlichen Sonntagmorgen. „Das geht gar nicht“, sagte Siebenbart entschieden. „Der Osterhase muss hier gewesen sein. Ich werde alle Schlossbewohner befragen, ob sie davon etwas wissen!“

Der Erste Minister behauptete, solche Interviews seien ganz unnötig, aber davon wollte Siebenbart nichts hören.

Im Schlossbrunnen wohnte der Zweite Minister für die Wasserversorgung. Auf die Frage des Königs quakte er, heute Morgen habe ihm jemand ein blaues Ei mit schönen gelben Mustern in den Brunnen geworfen. Es sei mit Seesternen bemalt gewesen, aber vorweisen könne er es nicht mehr – er habe es schon zum Frühstück gegessen – auf einer Quarkstulle. Der Gestiefelte Kater hatte in jedem seiner Siebenmeilenstiefel ein rosa Ei gefunden und sie fürs Mittag eingeplant, und er überlegte, clever, wie er war, ob die wohl vom Osterhasen wären? Das nette Küchenmädchen, das so gern eine rote Kappe trug, hatte zwei rote Eier in ihrem Korb gehabt und eins davon Shrek geschenkt, das andere war für die Großmutter bestimmt. Im Schlossgarten hatte der Dritte Minister für Energie ein Feuer entzündet. Da hüpfte er in lustigen Sprüngen herum und sang dabei aus voller Kehle: „Heute back ich, morgen brau ich, und übermorgen ist mir Shreks Frühstück einerlei, da esse ich mein Spiegelei!“

„Das kannst du gerne tun, wenn du mir sagst, wie es aussieht und wo du es gefunden hast!“, sprach der König. Da zeigte ihm der Energieminister ein grünes Ei, das mit einer schönen gelben Sonne bemalt war. Aber wer es in seinem Brennholzstapel versteckt hatte, das wusste er nicht. Er hatte sich darüber gewundert und über die Schuppentür auch – an ihrem Griff baumelte nämlich eine Mohrrübe.

„Interessant. Wer hat die denn dahin gehängt?“, wunderte sich der König.

„Das war ich“, sprach der Küchenmeister, der jetzt hinterm Schuppen hervorkam und provokativ mit dem verloren gegangenen Brief des Osterhasen wedelte. „Macht nur einmal die Schuppentür auf, Majestät, dann wisst Ihr, warum!“

„Neiin!“, rief der Erste Minister erschrocken. „Bitte nicht!“

Aber da drängten sich schon alle Märchenwaldbewohner in den Brennholzschuppen, und in der hintersten Ecke fanden sie erst den vollen Osterhasenkorb und daneben auch den Osterhasen, dem jemand fest die Beine zusammengebunden hatte.

„Das glaub ich jetzt nicht“, sprach Siebenbart entsetzt, als der verärgerte Hase seinen Bericht beendet hatte. „Meister Isegrim, Ihr wart das? Und nur, weil Ihr alle Ostereier für Euch alleine haben wolltet, und den Hasenbraten noch dazu? Was für eine dumme Idee!“

Der Küchenmeister hielt den Wolf fest, so dass er sich ordentlich beim Osterhasen entschuldigen musste. „Ich weiß auch schon eine Strafe für ihn“, grinste Shrek. Und dann flüsterte er Siebenbart kichernd etwas ins Ohr. Da hellte sich das finstere Gesicht des Königs wieder auf. „Was für ein vorzüglicher Einfall. Wir beginnen sofort mit den Vorbereitungen!“

Und nun lud König Siebenbart den Osterhasen und alle Märchenwaldbewohner ins Schloss ein, um dort gemeinsam das Osterfest zu feiern.

Bloß der Wolf war nicht eingeladen, der musste sich zur Strafe in die Küche stellen und für das ganze Königreich kochen und backen, bis sich die Tafeln bogen. Und wenn sie noch nicht fertig sind, so feiern sie dort wohl immer noch, und du und ich, wir sind auch eingeladen!

Marianne Thiele

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Last Updated (Thursday, 11 May 2017 15:16)