Schüttelmärchen aus der Bibliothek: Reise in die Fantasie

1. Kapitel

Hannah strich sich ihr dunkelblondes Haar mit einer trotzigen Handbewegung aus der Stirn. Sie trug eine bequeme blaue Jeans und Flipflops. Ihr weißes T-Shirt war verschwitzt, weil sie sich so beeilt hatte. Sie stieß die Tür der Bibliothek mit dem rechten Fuß auf, zog ihre bockigste Schnute und warf einen letzten sehnsüchtigen Blick auf die andere Straßenseite, wo Tina und Maria, ihre besten Freundinnen, im Eiscafe Polar auf sie warteten.

Blöde Deutschhausaufgabe, dachte sie.

Wozu in aller Welt musste sie einen Hausaufsatz schreiben? Und noch dazu einen fantasievollen? Und echte Freundinnen verhalten sich eigentlich auch anders!

Keines der beiden Mädchen war bereit gewesen, Hannah so wie sonst abschreiben zu lassen.

„Du musst endlich mal allein eine Geschichte zustande bringen“, hatte die schwarzlockige Maria getönt.

„Sonst lernst du ja nie, wie das geht“, hatte die rothaarige Tina bekräftigt.

„Du kannst dir ja in der Stadtbibliothek Anregungen holen“, schlugen sie vor.

„Von wegen Anregungen“, murmelte Hannah. „Ich werde mir irgendein Buch aus dem Regal ziehen, eine Seite abschreiben und die morgen als Aufsatz abgeben. Fertig!“

Sie stellte ihren Rucksack in der Garderobe ab und wandte sich an Frau Lesteufel, die Bibliothekarin. „Guten Tag! Können Sie mir zeigen, in welchem Regal die Fantasiegeschichten stehen?“

Frau Lesteufel arbeitete gerade an ihrer Leserdatei, die noch immer aus Karteikarten bestand, so als ob der Computer noch nicht erfunden worden wäre. Ihre Brille hatte sie keck auf die Nasenspitze geschoben. Da die Brillenfassung schwarz war, ähnelte Frau Lesteufel verblüffend einer übergroßen Eule; ein Eindruck, der durch ihre lockigen weißen Haare, ihre Leibesfülle und die dadurch bedingte legere Kleidung unterstrichen wurde. Sie trug eine rote Bluse, ein Goldkettchen und einen bis zu den Füßen reichenden blauen Rock, der sanft den Boden streichelte, wenn Frau Lesteufel sich bewegte.

Jetzt schob sie ihre Datei zur Seite und sah Hannah freundlich an.

„Guten Tag, meine Liebe. Natürlich kann ich dir das Fantasieregal zeigen. Moment, ich will erst deine Lesekarte heraussuchen.“ Sie griff nach der Leserdatei, zögerte dann aber. „Dein Name will mir gerade nicht einfallen. Bist du eventuell heute das erste Mal hier?“

„Allerdings“, knurrte Hannah. „Und wenn ich den dreimal verflixten Aufsatz nicht schreiben müsste, wäre ich jetzt auch ganz woanders.“

„So, so“, grummelte Frau Lesteufel. „So eine bist du also. Na, ich denke trotzdem, dass es dir in meiner Bibliothek gefallen wird. Bisher hat hier noch jeder gefunden, was er gesucht hat. In diesem Raum stehen Comics, Musik-CD’s, Bluerays und DVD’s, das hast du ja sicher schon bemerkt.

Rechts, gleich hinter der hölzernen Doppeltür mit den geschnitzten Sagenfiguren, befindet sich unser Lesesaal, prall gefüllt mit Abenteuern, Fantasie und Action. Leider wirst du dort ein Weilchen allein sein, denn eigentlich haben wir gerade Mittagspause. Sicher hast du das übersehen, als du auf die Öffnungszeiten geschaut hast. Aber das macht nichts, ich bin ja da.

Hier hast du deinen Leseausweis, Kind. Trage bitte deinen Namen und deine Anschrift ein, bevor du mit den Büchern wieder an meinen Tisch kommst. Du darfst bei jedem Bibliotheksbesuch drei ausleihen, nicht mehr. Und lass dir bei der Auswahl ruhig genug Zeit.“

Hannah nahm den Leseausweis, steckte ihn wortlos in ihre Hosentasche und trottete mit grimmigem Gesicht in die angewiesene Richtung. Frau Lesteufel sah ihr nachdenklich hinterher.

Quatsch, drei Bücher, dachte Hannah. Quatsch, genug Zeit. Ich brauche maximal eine Minute, um mir so ein dämliches Buch zu schnappen und es zum Ausgang zu tragen.

An der Tür zum Lesesaal stockte sie. Ihre Augen wurden groß wie Untertassen, denn dieser Saal machte seinem Namen tatsächlich alle Ehre. An den Wänden zogen sich meterlange Regale entlang. Jedes war 8 stufig und erreichte mühelos die Decke. Mehrere Leitern standen bereit, um den lesefreudigen Gästen den Griff in die oberen Buchetagen zu ermöglichen. Außerdem durchzogen 8 weitere Regalreihen den geräumigen Saal. Dazwischen verteilt, erwarteten kleine Lesetische mit Leselampen, weiche Sessel, knuffige grüne Kuschelsäcke und bequeme, mit rotem Stoff bespannte Stühle die Lesefreunde. Das Regal mit den Fantasiebüchern befand sich gleich rechts neben der doppelflügeligen Tür.

Hannah stutzte. Ihr Blick blieb wie gebannt an einem farbenfrohen Poster hängen. Frau Lesteufel hatte es kurz entschlossen mit ein paar Reißzwecken am Fantasieregal befestigt, doch das schadete der Schönheit des Bildes nicht im geringsten.

Es zeigte ein Palastzimmer. Um einen erloschenen Kamin gruppierten sich Figuren, die aus ganz verschiedenen Büchern stammten: der Kapitän Ahab, das grüne Monster Shrek, der nette Faun Tumnus aus Narnia und ein Wolf, der auf zwei Beinen ging und eine goldene Magisterkette um den Hals trug. Durch ein Halbbogenfenster im Bildhintergrund sah man den weißen Wal im Meer schwimmen. An einem Ebenholztisch saß der Meister der Fantasie. Hannah erkannte ihn merkwürdigerweise sofort, obwohl sie noch nie zuvor von ihm gehört hatte. Er trug eine goldene Krone auf dem weißhaarigen Kopf. Sein gepflegter Bart reichte bis zu den Schuhspitzen, die sich wie vorwitzige Schnäbel keck nach oben wölbten. Der Umhang des Meisters war blau und verdeckte zum Teil sein gelbes Hemd und die schwarze Hose mit dem goldenen Gürtel. In einem Arm hielt er zwei Bücher, mit der freien rechten Hand deutete er direkt auf Hannah.

Zumindest sah das so aus.

„Voll krass, Alter“, murmelte Hannah. Das Poster gefiel ihr. Sie zog sich einen Sitzsack heran, fläzte sich hinein und studierte noch einmal die Figuren. Die braunen Augen des Meisters waren drängend auf sie gerichtet.

Als ob er mir was sagen will, dachte das Mädchen belustigt. Und eigentlich wäre das gar nicht schlecht. Ich sollte ihn mal fragen, welches Buch er mir fürs Abschreiben empfiehlt.

Bei dem Gedanken überkam sie ein Kichern, aber schon nach den ersten Glucksern verging ihr das Lachen. Ganz deutlich hatte sie gesehen, dass der Meister ihr zuwinkte, sie möge näher treten.

Das war nicht möglich! Bestimmt war sie nur müde. Es war Zeit für ein Mittagsschläfchen, echt.

Aber vorher musste sie noch das tun, wozu sie hergekommen war. Sie kniff fest die Augen zu, erhob sich vom Sitzsack und trat drei Schritte vor. Ihr war klar, dass sie nun genau vor dem Fantasieregal stand. Noch ein Schritt mehr, und sie würde vermutlich mit ihrer Nase auf die Bücher stoßen. Sie streckte die Hand aus, um sich ein beliebiges Buch herauszugreifen. Für einen Moment wurde ihr dabei so kalt, als ob sie vor einer offenen Kühlschranktür stand. Die Luft fühlte sich für diesen gleichen Augenblick irgendwie zähflüssig an. Unwillkürlich trat sie einen weiteren winzigen Schritt vor, um der Kälte zu entkommen.

„Vorsicht, meine Liebe. Stolpere nicht“, warnte sie eine tiefe Stimme.

Überrascht riss Hannah die Augen auf.

Sie stand gar nicht mehr vor dem Fantasieregal, sondern dem Meister persönlich gegenüber. Shrek, Tumnus, Ahab und der Wolf wandten sich vom Kamin ab und kamen langsam auf sie zu. In ihren Augen brannte die Neugier.

„Frau Lesteufel! Hilfe!“, schrie Hannah.

Hatte sie einen Schritt zu viel gemacht? Hatte sie eine Tür im Regal übersehen? Sie drehte sich herum und wollte wieder zurück in den Lesesaal. Vergeblich! Ein blau-weiß livrierter Diener war schneller. Mit einem entschiedenen Plopp schloss sich vor dem Mädchen der rettende Durchgang zur Bibliothek.

2. Kapitel

„Lauf nicht weg! Ich habe dich hergeholt, damit du mir hilfst, meinen Füller wiederzufinden. Er wurde in diesem Zimmer gestohlen“, sagte der Meister. Seine sonore Stimme durchdrang den Raum bis in den letzten Winkel.

„Warum ist es so schlimm, dass er weg ist? Kaufen Sie sich doch einfach einen neuen“, schlug Hannah vor. Ihre Stimme zitterte ein bisschen.

Die Umstehenden murrten.

Der Meister schüttelte den Kopf. Ein Neukauf sei leider nicht möglich, erklärte er. Der Füller bestand aus Gold und besaß magische Kräfte. Was er niederschrieb, wurde Wirklichkeit. Wenn er einem Bösewicht in die Finger geriet, war das ganze Fantasiereich in Gefahr. Alle Märchen und Geschichten könnten ganz anders verlaufen, als die Kinder sie bisher kannten.

„Ein guter Wicht wird ihn wohl kaum gemopst haben“, murmelte Hannah. Sie beschloss, auf die Wünsche des Meisters einzugehen. Nur so konnte sie wieder nach Hause gelangen. „Wie lange war Ihr Füller ohne Aufsicht?“, erkundigte sie sich.

„Solange, wie ich mir in der Mittagspause Bücher aus dem Lesesaal geholt habe“, sagte der Meister. „Eine Stunde.“

„Wer kann in der Zwischenzeit hier herein gekommen sein?“, forschte das Mädchen weiter. Im Stillen dachte sie: Aha, er war also auch im Lesesaal. Es gibt einen Weg zurück!

„Das weiß bestimmt mein Türsteher“, sagte der Meister. Er rief den livrierten Diener herein und befragte ihn.

„Zwischen zwölf und eins wart ihr alle einmal in diesem Zimmer“, behauptete der blau-weiße Diener. „Du, Shrek, hast deinen Kopf hineingesteckt, bist aber gleich wieder gegangen, als du den Meister nicht gesehen hast. Herr Tumnus, Sie wollten sich die Zeitung vom Tisch holen – da, sie klemmt ja immer noch unter Ihrem Arm! Und Sie, Herr Kapitän, sind zum Fenster gerannt, weil Sie in der Ferne den Weißen Wal im Meer gesehen haben. Sie, Herr Magister Wolf, waren ebenfalls hier. Sie haben den Kamin auf Feuersicherheit überprüft – sehen Sie, Sie haben noch immer etwas Ruß am Fell!“

Der Wolf wischte sich den Dreck von der rechten Pfote und bleckte die Zähne. „Trotzdem ist keiner von uns ein Dieb“, knurrte er. „Oder bezweifelt das jemand?“

„Genug geschwatzt! Schafft mir den Füller herbei!“, rief der Meister ungeduldig. „Wem das gelingt, der erhält eine hohe Belohnung!“

„Schon gut. Ich durchsuche den Wald und den Sumpf“, sagte Shrek.

„Ich suche im Meer und auf allen Inseln“, brummte Kapitän Ahab.

„Ich durchsuche das Schloss und den Garten“, versprach Herr Tumnus.

„Und ich werde die Schlossbewohner befragen, ob sie was wissen“, sagte der Wolf. „Ich hole mir vorher nur noch schnell die aktuelle Namensliste aus meinem Waldhaus.“

„Äh – was für ein Waldhaus?“, fragte der Meister verwundert. „Seit wann hast du so was?“

„Aber ja, Eure Hoheit! Wisst Ihr denn nicht mehr, dass ich letzte Woche das Haus von Rotkäppchens Großmutter übernehmen durfte, weil die alte Dame mitsamt ihrer Enkelin auf eine Weltreise gegangen ist?“

Die Anwesenden nickten nachdenklich – alle, bis auf Hannah. Sie durchschaute plötzlich den hinterlistigen Plan des graupelzigen Magisters. Ohne ein Wort zu verlieren, lief sie zum Kamin und kniete sich vor dem Feuerloch nieder. Mit ihren Händen durchstöberte sie behutsam die kalte Asche. Der Wolf stürzte ihr nach, denn er wollte das verhindern. Der Meister, Shrek, Kapitän Ahab und der Faun packten ihn jedoch an den Armen und hielten ihn fest, so sehr er auch strampelte und schimpfte.

„Hurra! Ich hab ihn!“, jubelte Hannah. Sie richtete sich auf und strahlte den Meister an. Auf ihrer aschgrauen Hand lag, vor Staub kaum erkennbar, der goldene Füller.

Magister Wolf knirschte hilflos mit den Zähnen.

„Dummes Gör“, fauchte er. „Du hast mir meinen schönen Plan versaut. Ich weiß schon, warum ich keine kleinen Mädchen mag!“

Der Meister überließ den verräterischen Wolf den Palastwachen. Er nahm den magischen Füller in Empfang und umarmte das Mädchen.

„Ich wusste es, dass du uns helfen wirst“, sagte er. „Keiner von uns hätte den Plan vom Wolf durchschaut, denn mit uns hat er ja stets gerechnet. Nur nicht mit dir, Hannah. Niemand konnte vor einer Stunde wissen, dass ausgerechnet du im Lesesaal sein würdest! Ich danke dir. Du warst mutig und clever. Was wünschst du dir zur Belohnung?“

„Nichts Besonderes, Eure Hoheit. Ich möchte nur zurück in die Bibliothek“, seufzte Hannah.

3. Kapitel

Mit großem Herzklopfen fiel Hannah durch die Himmelssphäre. Sie drehte sich im Fluge wie ein Brummkreisel mehrmals um sich selbst und landete dann überraschend weich auf dem Dach der Bibliothek.

Nanu?

Wie war das möglich?

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Das passiert alles nur in meiner Fantasie, dachte Hannah.

Gleich wache ich auf.

Sie irrte sich abermals.

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Sie blieb nicht auf dem Dach liegen, sondern sank durch die Dachziegel hindurch, als ob die nur aus Luft beständen. Schließlich fand sie sich im Poster des Leseraumes wieder, genau zwischen Kapitän Ahab und dem Monster Shrek.

„Oh Krise“, stöhnte sie. „Jetzt stecke ich immer noch als Zeichentrickfigur in diesem Poster fest. Wie um Himmelswillen werde ich nun wieder ein Mensch?“

„Das liegt ganz an dir“, brummte eine tiefe Stimme, und die gehörte niemand anderem als dem Meister der Fantasie.

„Wie-wieso denn schon wieder an mir?“, stammelte Hannah. „Ich hab Ihnen doch schon genug geholfen. Was muss ich denn nun noch tun?“

„Du sollst mir eine Frage wahrheitsgemäß beantworten, ohne zu schummeln und ohne zu lügen“, sprach der Meister. „Merke dir aber, wenn du das nicht kannst, musst du für immer in meinem Reich bleiben! Die alles entscheidende Frage lautet: Kannst du jetzt deinen Schulaufsatz selber schreiben?“

„Ja, das kann ich“, sagte Hannah. Ihre Stimme zitterte dabei kein bisschen.

„Du hast die Wahrheit gesprochen“, stellte der Meister zufrieden fest. „Nun geh!“

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„Hannah! Wach auf! Hast du kein passendes Buch gefunden?“

Das Mädchen öffnete verwirrt die Augen. Sie stellte fest, dass sie noch immer in dem bequemen Sitzsack lag. Vor ihr stand die nette Bibliothekarin und sah sie fragend an. „Bist du ein wenig eingeschlafen, Liebes? Ja, ja, die Mittagszeit. Da dröselt man schnell mal weg. Soll ich dir bei der Suche ein wenig helfen?“

Hannah nickte begeistert. Ihre schlechte Laune war wie weggeblasen. „Ja, bitte“, sagte sie. „Haben Sie vielleicht ein Buch, in dem ein magischer Füller mitspielt?“

4. Kapitel

„Und, hast du nun eine eigene Schreibidee?“, erkundigten sich Maria und Tina. Sie hatten im Eiscafe Polar geduldig auf ihre Freundin gewartet.

Die kurze Wartezeit hatten sie sich mit Eisschokolade angenehm versüßt.

„Jepp“, versetzte Hannah zufrieden. Sie zog sich ebenfalls einen Bistrostuhl heran.

„Bestimmt kopierst du bloß irgendwas ab“, neckte Maria sie.

„Aus einem Abenteuerbuch“, ergänzte Tina lachend.

„Alles falsch“, widersprach Hannah. „Ich schreib selber. Frau Lesteufel hat mir versprochen, dass sie sich meinen Aufsatz durchliest, bevor ich ihn in der Schule abgebe.“

„Oh, das ist ja, also, wir ...“ stammelte Tina.

Marias Augen wurden vor Verblüffung so rund wie Kugelfische.

„Neidisch?“, sagte Hannah. „Vielleicht guckt sie ja auch in eure Sachen rein. Ihr müsst sie bloß mal fragen.“

„Vielleicht gibt sie dann sogar der besten Geschichte einen Preis?“, überlegte Maria.

In stillem Einverständnis erhoben sich die drei Freundinnen. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, liefen sie hinüber zu ihrer Bibliothek.

Marianne Thiele

 

Last Updated (Saturday, 09 September 2017 18:56)