Das Geheimnis der schwarzen Orkuffs Das Geheimnis der schwarzen Orkuffs

Marianne Thiele

 

Verlag Pia Bächtold, 2010

ISBN 978-3-940951-57-1

 

489 Seiten

16,00 €

 

 

 

 

 

Zum Inhalt: Jakob und Bastian Knurrziegel sind Brüder. Jakob ist 13 und Bastian 10 Jahre alt. Sie verstehen sich recht gut. Zu ihren gemeinsamen Interessen gehört auch das Computerspiel. Als sie in Meister Nogards Kostüme – und Spieleverleih ein topmodernes Spiel erhalten, mit dem sie sogar in die virtuelle Realität eintauchen können, sind sie begeistert. Sie merken zu spät, dass sie sich und ihre Eltern aufgrund eines Programmierfehlers in Gefahr bringen. Plötzlich sind die Brüder Teil des Spiels und sie können es erst wieder verlassen, wenn sie im Reich der Träume einen schwierigen Kampf gegen das Böse bestehen.

Leseprobe

Das Traumreich ist in Gefahr

 

Der Mond stand rund und gelb am Himmel. Die Mitternacht war gerade vorüber. In den Sümpfen Drakors ballte sich Nebel zusammen. Er trieb durch den Zauberwald und versteckte Weg und Steg unter seinem weißen Mantel.

Da kehrte der Gemeine Sockengrabsch nach Hause zurück. Sein merkwürdiger Name passte zu seinem ungewöhnlichen Aussehen. Er war nicht größer als ein Zwerg. Ein kurzhaariger Pelz, der so farbig wie ein Flickenteppich war, bedeckte seinen Körper von Kopf bis Fuß. Der Hals war so kurz, dass er eigentlich nicht der Rede wert war. Zwei blanke blaue Augen beobachteten quietschvergnügt die Umgebung, und eine kleine schwarze Nase saß wie das berühmte i-Tüpfelchen mitten im Pelzgesicht.

Die Kleidung dieses Zwerges bestand nur aus zwei Socken, einem grünen und einem blauen. Socken waren seine ganze Leidenschaft. Er sammelte sie in Kinderzimmern und in Kindergärten, unter den Wühltischen der großen Kaufhäuser, auf Wäscheplätzen und bei Sportwettkämpfen. Es war geradezu unglaublich, wo man als pfiffiger Sockengrabsch überall Beute machen konnte. Heute Nacht war er besonders glücklich, denn er hatte eine rot-weiß gestreifte Ringelsocke erobert, die er nun seiner Sammlung einverleiben wollte. Die Frage war nur, wo er das neue Beutestück am besten aufbewahren konnte? Er wusste wirklich nicht, welcher Platz noch frei war. Auf jedem Zaunpfahl saß ja schon eine Socke. Und damit nicht genug. Schwarze, braune und grüne Exemplare stapelten sich haufenweise vor der Tür des kleinen Häuschens. Da mussten sie solange warten, bis der Grabsch sie gewaschen hatte. Im Moment war die Wäscheleine aber noch nicht für die Neuzugänge frei. Jeder Zentimeter war ja schon mit bunten Kinderstrümpfen besetzt, die fröhlich im Wind wehten. Einige besonders farbenfrohe Beutestücke hatte der Sockengrabsch in die Zweige der Zwillingseichen gehängt.

Diese Bäume hießen so, weil sie in ihrer Jugend im unteren Stammbereich zusammengewachsen waren. Damals mussten sie lernen, das Beste aus ihrer misslichen Lage zu machen. Und das taten sie. Sie achteten einfach auf einen gehörigen Abstand und strebten in zwei verschiedenen Richtungen zur Sonne. Nun, im hohen Alter von tausend Jahren, bildeten sie mit ihren Stämmen ein stolzes V.

Der Sockengrabsch hatte inzwischen seine Entscheidung getroffen. Er trug die neue Ringelsocke kurzerhand ins Haus. Das war zwar auch schon übervoll, aber er hatte einen würdigen Platz für sie gefunden – auf dem Regal über seinem Bett. Da bewahrte er alle seine Lieblingsstücke auf. Hinterher fiel er auf einen Hümpel mit ungewaschenen Kinderstrümpfen und schlief zufrieden ein.

Ihm war nur ein kurzer Augenblick der Ruhe vergönnt. Jemand hämmerte wütend an seiner Haustür.

„Sooocke! Bist du da?“

Diese krächzige Stimme gehörte ganz ohne Zweifel seinem Freund, dem Nachtalb. Ehe er sich dazu entschließen konnte, sich aufzurappeln, zerrte ihn der Alb schon von seinem Lager: „Los, du musst schnell weg! Und dein Kater auch. Wo ist er? Kasimir? Melde dich!“

„Mein Kater ist überhaupt nicht da, der ist gerade bei einem Mädchen, das unbedingt von einer schwarzen Katze träumen wollte“, protestierte der Sockengrabsch. „Sag mal, spinnst du? Du kommst mitten in der Nacht her, du weckst mich ...“

„Deine Schuld, wenn du immer unsere Things vergisst! Alle Träumlinge waren da, bloß du hast mal wieder alles verpennt. Und jetzt hast du den Salat. Du musst raus aus deinem Haus, beeil dich!“

„Warum denn, verdammt noch mal?“

Der Nachtalb antwortete ihm nicht. Er wies ungeduldig zum Fenster. Der Sockengrabsch öffnete es gehorsam und nun verstand er gar nichts mehr. Wo kam das Wetterleuchten über dem Traumzauberwald her? Wieso bebte plötzlich die Erde unter seinen Füßen? Wer machte das höllische Geschrei, das vom Thingplatz kam?

„Was um alles in der Welt ...?“

„Wir müssen fliehen. Die Feuerwalze jagt genau auf dein Haus zu. Es wird verbrennen!“

„Was wird es? Verbrennen?! Und was wird aus meiner schönen Sockensammlung? Nee, Kumpel. Wegrennen kommt für mich überhaupt nicht in Frage. Ich werde jetzt ein paar Wassereimer hinstellen und dann wirst du mir beim Löschen helfen!“

Der Nachtalb lachte bloß. Es war ein freudloses, heiseres Lachen. „Vergiss deine Wassereimer. Vergiss deine Sockensammlung. Und dein Haus kannst du auch vergessen. Der Magier ist wahnsinnig geworden. Er ist es, der als Feuerwalze durch den Traumzauberwald jagt. Du kannst den Gebieter nicht mit einem Schwapp Wasser aufhalten. Du kannst ihm nur aus dem Weg springen. Und nun komm endlich!“

Mit diesen Worten rannte er zur Tür.

Der Sockengrabsch wusste jetzt, dass die Lage verteufelt ernst war. Er wusste auch, dass er dem Nachtalb eigentlich folgen musste. Aber er wollte wenigstens noch seine neue, rot-weiß gestreifte Ringelsocke retten. Hastig stopfte er sie in eine Reisetasche. Und die Seemannsstrümpfe durfte er auch nicht zurücklassen, und ...

Der Nachtalb konnte nicht länger auf den Trödelheini warten. Er hatte sich inzwischen in den Kronenbereich der Zwillingseichen gerettet. Von hier oben sah er aufgeregt zu, wie ein weißes Kätzchen mit einem silbernen Halsband vor der Feuerwalze floh. Verfolger und Verfolgte waren einander schon dicht auf den Fersen. Das Kätzchen rettete sich in letzter Minute auf Sockes Hof. Dort verwandelte es sich in eine weiße Flamme – und die löste sich ratzbatz in Luft auf. Aber die wütende Walze fand eine andere Beute. Der Gemeine Sockengrabsch kam nicht mehr rechtzeitig aus seinem Haus. Als es Feuer fing, verbrannte er mitsamt seinen Schätzen, weil er zu lange getrödelt hatte. Und dann züngelten die ersten gierigen Flammen nach der Rinde der Eichen.

„Oh neeiin“, jammerte der Alb. Er klammerte sich an seinen Ast und zitterte vor Angst wie Espenlaub. „Neeiin, ich will nicht steeerben!“

„Das wirst du auch nicht“, rauschten die Eichen. Sie stellten sich auf ihre mächtigen, knotigen Laufwurzeln und marschierten so weit weg, wie es für ihre Sicherheit notwendig war. Nach 300 Metern machten sie auf einer Lichtung Halt, senkten ihre Wurzeln wieder in die Erde und taten so, als hätten sie in ihrem tausendjährigen Leben noch nie woanders gestanden.

Damit hatten sie nicht nur sich, sondern auch dem Nachtalb das Leben gerettet. „Ich – ich danke euch“, schluchzte er. „Alleine hätte ich es mit dem Weglaufen nicht mehr geschafft. Ich – ich will noch ein bisschen bei euch bleiben und – und nachdenken. Darf ich?“

„Kein Problem, bleib da oben sitzen, solange du Lust hast“, knarrten die Bäume.

Der Nachtalb beruhigte sich langsam wieder. Er suchte sich eine bequemere Sitzhaltung. Aber er konnte den Blick nicht von der schwarzen Rauchwolke abwenden, die mit dem Wind über dem Traumzauberwald dahintrieb. „So ein Unglück“, murmelte er. „So ein sinnloser Tod. Und alles bloß, weil er so machtgierig ist! Die Weltherrschaft will er, pah!“

„Miau. Wer will die Weltherrschaft?“

Es gab einen feinen Knall und dann kletterte der Fragesteller den Baum hinauf. Scharfe Krallen kratzten an der Rinde. Der Alb wusste, was das hieß. Kasimir war aus den Träumen der Menschen zurückgekehrt.

„Na, alter Mäusejäger, wie geht’s dir? Hey, ich bin so froh, dass du da bist.“

„Was ist mit unserem Haus passiert?“, fragte der Kater.

„Der Magier hat es verbrannt. Socke ist tot. Und das ist noch nicht alles. Der Gebieter will, dass jeder von uns Träumlingen einmal im Monat bei den Menschen gewesen ist. Wer das nicht schafft, der wird als nutzloses Traumbild umgebracht.“

Der Kater wollte das nicht glauben. „Die Prinzessin Traumfängerin wird das nicht zulassen“, protestierte er. „Und die Weise Eule auch nicht!“

„Die Prinzessin ist geflohen. Sie versteckt sich in Gestalt einer weißen Katze vor dem Zorn unseres Herrschers. Du hast sie doch gerade vorbeirennen sehen, oder etwa nicht? Und die Eule tut, was Dragon ihr sagt. Sie ist kein Kämpfertyp, das weißt du doch.“

„Aber was wird aus unserem schönen Reich?“  ...

 

M. Thiele

Last Updated (Sunday, 06 November 2016 09:00)