http://marianne-thiele.de/eigene_bilder/Sagen.JPG Die Sagen von Krakow am See und der Umgebung

 

Marianne Thiele

 

Edition Wendepunkt 2006

 

51 Seiten

 

 

 

 

 

 


Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis:

Wie der Krakower See entstand

Die Sage vom Bratstein

Die Zwerge von Dobbin

Der spukende Grenzgänger von Linstow

und weiteres mehr ...

 

Lesebeispiel: Der spukende Grenzgänger von Linstow bei Krakow

Vor ungefähr 500 Jahren lebte in Linstow bei Krakow ein Gutsherr, den kaum jemand leiden konnte. Mit allen Nachbarn hatte er Streit, er verprasste mit bösen Rauf- und Saufkumpanen das Geld seiner Bauern, die er dazu noch grausam quälte.

In seiner Nachbarschaft, in Dobbin, wohnte ein wackerer Edelmann, der brav und gottesf√ľrchtig war. Er behandelte seine Bauern gut und h√ľtete sich davor, mit seinem groben Nachbarn in Ber√ľhrung zu kommen. Desto mehr war aber dieser bem√ľht, mit ihm Streit zu suchen, indem er ihm auf unversch√§mte Weise ein St√ľckchen Land nach dem anderen stahl.

Der Dobbiner versuchte zuerst mit G√ľte, und als das nichts half, mit Drohungen, sein Land wiederzubekommen. Aber alles war vergebens. Da bat er seinen Landesherrn, Herzog Albrecht II., um Hilfe. Doch bevor dieser ihm helfen konnte, starb der Dobbiner Edelmann. Er hinterlie√ü eine Witwe und drei unm√ľndige Kinder. Bald starb auch die Mutter. Ihre Kleinen blieben schutzlos zur√ľck. Der Linstower nutzte die Gunst der Stunde und stahl erneut ein gro√ües St√ľck Land. Er versetzte bei der Gelegenheit auch gleich die Grenzsteine, was eine schlimme S√ľnde ist. Herzog Albrecht zog nun endlich nach Dobbin, um den R√§uber zur Rechenschaft zu ziehen. Als es zur Verhandlung kam, tat der Linstower einen furchtbaren Schwur, dass ihm alles Land seit Urzeiten geh√∂re, soweit seine Grenzpf√§hle reichten. Gegen diesen Schwur war der F√ľrst machtlos. Die Sache war damit erledigt und der Linstower R√§uber galt nun als Unschuldsengel.

Er konnte sich jedoch nicht lange an seinem geraubten Besitz erfreuen. Eines Morgens fand man ihn tot an der Dobbiner Scheide liegen. Der Teufel hatte dem schlechten Edelmann den Hals umgedreht, als er sp√§t abends von einem Gelage gekommen war. Aber auch im Grab fand der bu√ülose S√ľnder keine Ruhe. Er muss nun als spukender Grenzg√§nger umgehen, zum Entsetzen und Schrecken der Menschen, bis er dereinst durch Gottes Gnade erl√∂st wird.

Auch jetzt noch soll der spukende Grenzg√§nger nachts dem einsamen Wanderer begegnen. Manchmal erscheint er √ľbergro√ü, mit Grenzpf√§hlen bepackt, l√§ngs der Nebel, wobei er st√∂hnt und andere grausige T√∂ne ausst√∂√üt. Manchmal schw√§nzelt er als schwarzes H√ľndchen dem Reisenden um die F√ľ√üe, um sich dann pl√∂tzlich in einen dunklen, unheimlichen K√∂rper zu verwandeln, der sich erst gewaltig ausdehnt, dann wieder schrumpft und sich bald vor dem Wanderer, bald an seiner Seite entlang w√§lzt, bis jener vor Angst bald au√üer sich ist.

Erst vor wenigen Jahren soll dies einem √§lteren, ehrbaren B√ľrger aus Krakow passiert sein, der sich nachts an der Dobbiner Scheide aufhielt. Er rauchte in Ruhe eine Pfeife und stie√ü zuf√§llig mit dem Fu√ü an einen schwarzen, vor ihm liegenden Gegenstand. Der Krakower wunderte sich dar√ľber, was das wohl war und b√ľckte sich, um das Ding aufzuheben. Da rollte es zehn Schritte weiter und blieb wieder liegen! Unser Mann kam trotz des Mondscheins nicht dahinter, was das wohl sein k√∂nnte. Er folgte daher dem Ding und stie√ü es mit dem Kr√ľckstock an, um es aus dem Weg zu r√§umen, damit kein ahnungsloser Wanderer dar√ľber stolpern sollte. Da breitete sich das Ding in einer gewaltigen Gr√∂√üe um den Mann herum aus und versperrte ihm nach allen Seiten den Fluchtweg. Der Krakower hatte gro√üe Angst, weil er weder vor- noch r√ľckw√§rts konnte. Er stand da wie festgebannt, die Zunge klebte ihm am Gaumen, H√§nde und F√ľ√üe waren wie gel√§hmt und er konnte nicht einmal um Hilfe rufen. Erst nach √ľber einer Stunde wurde der arme Mann durch ein herannahendes Fuhrwerk aus diesem Zustand erl√∂st. Je n√§her n√§mlich der Fuhrmann kam, desto mehr schrumpfte der schwarze Klumpen, bis er sich endlich bei der Ankunft des Wagens von selbst aufl√∂ste und verschwand.

Auch einem M√ľllergesellen aus Dobbin, der sich im Bornkrug bei Bier und Tanz vergn√ľgt hatte, erschien der Unhold in Gestalt des schwarzen H√ľndchens, das auf einmal lustig vor ihm hintrabte. Der Geselle, als er das Tierchen lockte, erschrak nicht wenig, als es sich pl√∂tzlich umwandte und ihn aus gro√üen, gl√ľhenden Augen anstarrte. Dann schrumpfte es zu einem unf√∂rmigen Klumpen, der sich schwerf√§llig vor dem Gesellen herw√§lzte. Der junge Mann drehte sich sofort um und rannte, so schnell er konnte, zum Bornkrug zur√ľck. Auf keinen Fall wollte er nun allein nach Hause gehen. Wie erschrak er aber, als sich nach wenigen Schritten der widerliche Klumpen erneut vor ihm herw√§lzte. Welche Richtung er auch einschlagen wollte, das Ding legte sich ihm in den Weg, und so ging es die ganze Nacht. Erst der n√§chste Morgen erl√∂ste den ersch√∂pften M√ľllerburschen von seinem schrecklichen Begleiter. Der junge Mann sollte sich jedoch nie wieder von seinem schrecklichen Abenteuer erholen. Acht Tage sp√§ter trug man ihn zu Grabe.

 

 

Last Updated (Sunday, 06 November 2016 09:42)