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Rons Welt

Marianne Thiele

 

Frieling

2000

Softcover, A5, 98 S.

 

ISBN 3-8280-1207-8

 

Weihnachtsaktion 2017: 2,00 €

 

 

 


Hilflos stehen die Bewohner der Stadt Terra im Jahe 2149 dem Problem der Umweltverschmutzung gegenĂŒber. Wie sollen sie der Erde eine lebenswerte Zukunft sichern? Auf der Suche nach einer Lösung greift Professor Layhausen zueinem gefĂ€hrlichen, verbotenen Mittel. Er tritt eine Zeitreise an, um aus den Fehlern der Vorfahren zu lernen.

Seinem Sohn Ron hinterlĂ€sst er ein Tagebuch. Ein Jahr nach dem Verschwinden des Professors spitzt sich die Lage in Terra zu. Nun lĂ€sst sich auch Ron auf die abenteuerliche Zeitreise ein, um seinen Vater zu retten. In der Statdt der Vergangenheit begegnen ihm Felicitas und ihre Clique, und er entdeckt tatsĂ€chlich Spuren seines Vaters. Wird Ron seine Mission erfĂŒllen und den Vater retten? Lest selbst in "Rons Welt"!

 

Leseprobe:

Kapitel 1

Aus Professor Layhausens Tagebuch

Terra. 28. September, 2149. 23.30 Uhr Ortszeit.

...Heute ist es mir endlich gelungen, die letzten Kalkulationen fĂŒr einen Zeitsprung durchzufĂŒhren. Ich habe mich mit meinen Forschungsergebnissen noch nicht an den Weisen Rat und die BĂŒrger Terras gewandt, denn ich muß mit heftigem Widerstand gegen mein Projekt rechnen. Vielen wird es ganz unwahrscheinlich vorkommen, daß Kommunikation nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit möglich ist; und zwar nicht nur zur gleichen Tageszeit oder durch das Abspielen von Computeraufzeichnungen, sondern durch den Transfer von fester Materie in verschiedene Raum- und Zeitebenen... Ich bin fest entschlossen, mein ZeitreisegerĂ€t schnellstmöglichst fertig zu bauen, denn Tatsachen ĂŒberzeugen bekanntlich auch den grĂ¶ĂŸten Zweifler. Der Nutzen dieses Zeittransformators ist in meinen Augen offensichtlich, denn in unserer Kunstwelt unter Glas sind wir von der Alten Erde gĂ€nzlich abgeschottet. Die Menschen sind nur noch an ihrer Stadt und nicht mehr an den Entwicklungen auf der Erde interessiert. Die schrecklichen Ereignisse zum Ende des vergangenen Jahrhunderts haben dauerhafte Spuren im Bewusstsein der Terraner hinterlassen. Vor Kriegen und Umweltkatastrophen haben sie sich in diese Glas-Oase gerettet, die sie nun fĂŒr die einzig mögliche Form halten, gewaltfrei zu leben... Sie sind nur noch an ihrem privaten GlĂŒck interessiert. Selbst Expeditionen zu Forschungszwecken werden aus Desinteresse kaum noch durchgefĂŒhrt. Unser Geschichtswissen geht zunehmend verloren. Wir wissen nicht einmal, ob es noch weitere StĂ€dte wie unsere gibt, oder ob wir die letzten Überlebenden unserer Rasse sind... Unsere BĂŒrger wĂŒnschen keinen Kontakt nach außerhalb mehr. Sie kommunizieren nur untereinander... Doch Abkapselung wird mit Sicherheit bald zur Mangelwirtschaft fĂŒhren. Ich bin ĂŒberzeugt, dass die derzeitige Politik der Isolation und Selbstzufriedenheit fĂŒr die Weiterexistenz Terras in der Tat gefĂ€hrlich ist.

Terra. 29. September, 2149. 16.00 Uhr Ortszeit.

Es war heute ungemein problematisch, hochreine Speicherkristalle zum Bau meines Transformators zu erhalten – obwohl ich als leitender Professor des Weisen Rates meine Beziehungen nutzen konnte. Doch unser Tagebau ist schon fast ein Untertagebau, die besten Vorkommen sind bereits erschöpft. Der Bauleiter ĂŒberließ mir aus GefĂ€lligkeit einige wertvolle StĂŒcke...Noch genĂŒgen sie den technischen Anforderungen. Die kleinste Verunreinigung in den Kristallspeichern wĂŒrde die Zeitreise zu einem unkalkulierbaren Risiko machen, denn eine Berechnung von Zielort und Zielzeit wĂ€re dann nur mit großen Ungenauigkeiten durchfĂŒhrbar. Doch ein Erfolg meiner temporĂ€ren Expedition ist von ungeheurer Wichtigkeit, denn dann kann ich als Zeitreisender historische Erfahrungen aus unserer eigenen Geschichte aufarbeiten. Sie könnten uns vielleicht helfen, einen Weg aus unserer selbstgewĂ€hlten Isolation zu finden. Wir haben ja die Möglichkeit, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Auf einer höheren Ebene der Zeitspirale wiederholen wir die IrrtĂŒmer unserer Vorfahren dann nicht mehr. Morgen werde ich dem Weisen Rat sowohl die philosophischen Grundlagen meines Projektes als auch den Zeittransformator vorstellen. Ich bin sicher, der Rat wird die DurchfĂŒhrung des Zeitsprungs nach reiflicher ErwĂ€gung genehmigen! Wenn das Projekt erfolgreich getestet worden ist, können wir es der breiten Öffentlichkeit zur Diskussion vorlegen.

Terra. 30. September, 2149. 15.00 Uhr Ortszeit.

Den grĂ¶ĂŸten Teil des Tages habe ich verwendet, um meine Unterlagen zu ordnen. Ich möchte morgen meine Kollegen Grant und Feldmann davon ĂŒberzeugen, daß wir das Zeitexperiment schon in drei Tagen durchfĂŒhren. Nach meiner Auffassung verlĂ€uft Zeit spiralförmig in einer unendlichen Dimension. Das möchte ich ausnutzen! In regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden liegen auf den Außenseiten der Spirale Kontaktfenster. Entsprechend meinen Berechnungen wĂ€re am 3. Oktober ein Zeitsprung in unsere Vergangenheit möglich. Dazu mĂŒĂŸte ich den Zeitfluß in entgegengesetzter Richtung mit Hilfe meines Zeittransformators durchqueren. Ich wĂŒrde noch vor der Jahrhundertwende am gleichen Ort, wo heute Terra steht, rematerialisieren. Dazu werde ich MolekularverstĂ€rker einsetzen. Vielleicht stand hier schon frĂŒher eine Stadt, und ich bekomme Kontakt zu ihrem Rat? Alles ist möglich! Ich darf nur nicht das nĂ€chste Zeitfenster fĂŒr die RĂŒckkehr verpassen. NatĂŒrlich muß ich den Transformator dazu unauffĂ€llig benutzen, so daß die Menschen jener Epoche von meiner Mission und unserer Technik nichts bemerken. Die Entdeckung meines ZeitreisegerĂ€tes durch sie wĂ€re in jeder Hinsicht fatal!!

Terra. 30. September, 2149. 21.45 Uhr Ortszeit.

Heute Abend ist noch etwas Unglaubliches passiert. Ein 17jĂ€hriger Student hat seine Freundin furchtbar geschlagen. Er sagt trotzig, er hat es aus Frust getan. Wir haben fĂŒr diesen Vorfall keine ErklĂ€rung und auch kein Strafmaß. AggressivitĂ€t ist fĂŒr unsere Stadt ein neues PhĂ€nomen. Um Ă€hnlichen Dingen in Zukunft vorzubeugen, hat die Große Ratsversammlung mit einer Gegenstimme beschlossen, den Jungen aus Terra auszuweisen. Polizisten haben ihn gegen 20.00 Uhr durch die Bioschleuse gewaltsam nach draußen eskortiert. Er hat sich gewehrt und sogar geweint, aber es nĂŒtzte ihm nichts. Sie haben ihn zur Isolation verurteilt. Das neue Gesetz besagt, dass er nach einem Monat wieder um Aufnahme in Terra ersuchen darf – wenn er bis dahin noch lebt. Ich finde die Strafe furchtbar, und ich habe in der Ratsversammlung dagegen gestimmt! Doch vergeblich.

Ich glaube, dass dies erst der erste Vorfall einer Reihe von spontanen Zuwiderhandlungen gegen unsere Regeln sein wird. Der Grund dafĂŒr ist meiner Meinung nach unsere Isolation. Die anderen Mitglieder des Weisen Rates dagegen sagen, das sei doch gerade unser Vorteil. Wir könnten uns mit Leichtigkeit von allem trennen, was aggressiv sei. Das wichtigste Ziel unserer kleinen Gemeinschaft sei es, gewaltfrei zu ĂŒberleben. Das Motto mĂŒsse sein: Gewaltfreiheit durch Gehorsam und Disziplin! Aber reicht das als Lebensziel fĂŒr unsere Jugend, die die großen Umweltverbrechen und Kriege nicht mehr selbst miterlebt hat? Ron ist jetzt 15. Wird er vielleicht gewalttĂ€tig, wenn er Ă€lter ist? Ich muss unbedingt mein Zeitexperiment erfolgreich durchfĂŒhren. Die Vergangenheit ist der SchlĂŒssel zu allen Fragen, die wir heute nicht lösen können. Unser Leben muss wieder einen Sinn bekommen, oder wir treten auf der Stelle.

Terra. 1. Oktober, 2149. 13.15 Uhr Ortszeit.

Ich habe es nicht fĂŒr möglich gehalten – aber meine Ratskollegen Grant und Feldmann haben meine PlĂ€ne als unnĂŒtz und gefĂ€hrlich abgelehnt. Sie befĂŒrchten negative EinflĂŒsse unserer gewalttĂ€tigen Vergangenheit auf unsere Jugend. Ich soll deshalb alle Zeitexperimente abbrechen und morgen alle Unterlagen und Daten im Institut vor Zeugen vernichten. Die Computeraufzeichnungen in meinem BĂŒro werde ich auch wie verlangt löschen. Aber nicht den Zeittransformator! Ich hatte ihn heute Morgen auf meinem Schreibtisch versehentlich vergessen! Von seiner Existenz und von diesem Tagebuch ahnen Grant und Feldmann also nichts. Alles, was ich ĂŒber den Zeitsprung in Erfahrung gebracht habe, steht vollstĂ€ndig in meinen handschriftlichen Aufzeichnungen. Ich werde sie meinem Sohn Ron jetzt ĂŒbergeben. Er wird meine Idee bewahren, falls ich von meiner Zeitreise am 3. Oktober nicht zurĂŒckkehren sollte. Ich trete sie auf jeden Fall an. Ron wird verstehen, warum ich das Risiko allein auf mich nehmen muss. Mein Tagebuch wird nun geschlossen.

Professor Lars Layhausen

 


 

Last Updated (Sunday, 29 October 2017 18:06)