Pandoras Katze

(Geliebte Katze Nr. 12, Dezember 2002)

Gestern Nachmittag habe ich etwas Seltsames erlebt. Es fing eigentlich ganz harmlos an. Ich ging langsam die Gartenstraße entlang und suchte das Haus Nummer 20. Wer glaubt, dass dies eine leichte Aufgabe ist, der irrt. Bis zur 5 wurde ich noch fündig, doch dann fand ich viele neue Häuser ohne Zahlen.

„Zu wem wollen Sie denn?“, fragte mich ein Mann. Er stand in der Einfahrt seines Bauerngehöftes und sah einem imposanten schwarzen Kater zu, der geschickt auf einem Jägerzaun entlangbalancierte.

„Zu einer guten Freundin“, sagte ich und zeigte ihm meinen Merkzettel mit der Adresse. Er verwies mich auf das Ende der Straße, doch ich mochte nicht gleich gehen. Der große Kater faszinierte mich. Er war inzwischen auf einen uralten Apfelbaum geklettert und beobachtete mich nun.

„Ein schönes Tier“, sagte ich. „Fast so groß wie ein Panther. Gehört er Ihnen?“

„Er gehört dem Nachbarn“, antwortete der Bauer. „Aber der Kater hat in der Tat eine ganz ungewöhnliche Geschichte. Wenn Sie auf einen Kaffee in den Garten kommen wollen, erzähle ich sie Ihnen.“

Ich hatte Zeit und meine Neugier war geweckt. Also folgte ich dieser freundlichen Einladung. Was ich dann zu hören bekam, war so merkwürdig, dass ich es noch am gleichen Abend aufschreiben musste. Ich werde mich jetzt bemühen, die Geschichte so wahrheitsgetreu wie nur möglich wiederzugeben.

„Es begann vor zehn Jahren“, so erzählte mir der Bauer, „dort hinten, in der Gartenstadt. Da saß sie, ihr Korb stand unter einem Straßenbaum, dicht neben einer breiten Oktoberpfütze. Manche Menschen sahen sie gar nicht. Andere liefen an ihr vorbei und bedachten sie mit einem abfälligen Blick. Der alten Frau machte das nichts aus. Sie ließ den Wind mit ihrem zotteligen grauen Haar spielen und erlaubte den bunten Herbstblättern, sich auf ihren flickenbesetzten Rock und ihre giftgrüne Bluse zu legen. Manchmal hob sie den Korbdeckel etwas an und murmelte: „Habt noch Geduld, meine Schätzchen. Er kommt vorbei. Bald.“

Und dann wartete sie wieder.

Endlich kam er. Sie erkannte ihn sofort, obwohl sie ihn vorher nur in einem Traum gesehen hatte. Er war Mitte Dreißig, trug eine schmale Aktentasche unterm Arm und die Fragezeichen eines langen Büroarbeitstages im Gesicht.

In diesem Augenblick raste ein dunkles Auto heran und durch die Pfütze hindurch. Ein schmutziger Wasserschwall schwappte auf die Alte und ihren Korb.

„So ein Verkehrsflegel!“, empörte sich der Mann. Er bückte sich und half der Frau auf die Beine. „Oje, Sie sind ja vollkommen durchnässt! Kann ich irgend etwas für Sie tun?“ Er führte sie zu einer Bank und nötigte sie, Platz zu nehmen. „Sie sollten sich nicht so dicht an die Straße setzen, auch nicht, wenn Sie müde sind“, sagte er gutmütig. „Das einfach zu gefährlich, Sie sehen ja...“

Doch die Alte lächelte nur rätselhaft und schwieg. Sie öffnete den Korb und ließ es zu, dass der Mann hineinsah. Drei verschiedenfarbige Herbstkätzchen saßen darin: Eins war so weiß wie der Nebel, wenn er frühmorgens durch die Flusswiesen schleicht.

Eins war so rot wie die Oktoberblätter, wenn der Wind sie zu lustigem Tanz auffordert.

Und eins war so schwarz wie die Nacht.

„Na“, sagte der Mann, „die sind ja nicht mal nass geworden. Der Korb hat sie wohl geschützt.“

„Oh, sie wären auf gar keinen Fall nass geworden“, versetzte die Alte. „Solche Katzen werden nur einmal in hundert Jahren geboren. Drei Wassertropfen müssen auf ihre Nasen fallen, wenn sie gerade auf die Welt kommen und drei Hähne müssen zur gleichen Zeit krähen, sonst werden es ganz gewöhnliche Katzen. Dies Jahr hat es wieder geklappt. Zwei davon bringen nun demjenigen Menschen Glück, der sie aufnimmt und für sie sorgt.“

„Jaja“, sagte der Mann höflich, weil er jetzt nach Hause wollte. „Ich unterhalte mich ja wirklich gern mit Ihnen, aber es ist schon spät und meine Familie wartet. Also dann...“

„Aber seien Sie gewarnt“, murmelte die alte Frau, „eine davon, irgendeine, ist die Katze der Pandora. Wenn Sie die verschenken, verschenken Sie Unglück, Unglück, Unglück...“ Ihre Stimme nahm einen hallenden Klang an, ihre Gestalt zerfloss wie Herbstrauch, und dann – war sie weg. Bloß der Korb blieb da. Und in ihm saßen drei blauäugige Katzen und sahen den Mann fragend an. „Teufel auch“, sagte der verblüfft und rieb sich die Augen. „Was war denn das?“

„Der Mann war natürlich Ihr Nachbar“, unterbrach ich den Bauern schmunzelnd. „Aber dass die Frau so einfach verschwindet, das haben Sie sich doch sicher ausgedacht.“

„Der Nachbar hat auch gedacht, dass er geträumt hat“, stimmte mir der Bauer zu. „Doch vor ihm saßen diese drei Fellknäuel und er war müde und wollte nach Hause. Also nahm er den Korb ganz einfach mit und präsentierte ihn seiner überraschten Familie.“

„Das Hallo kann ich mir gut vorstellen“, murmelte ich und dachte an meinen Mann.

„Ich hab es damals bis auf meinen Hof gehört“, bestätigte der Bauer und grinste. „Aber was soll ich Ihnen sagen? Das weiße Kätzchen schenkte mein Nachbar der 15jährigen Tochter seines Geschäftsfreundes. Er wusste, dass sie eine Tiernärrin war. Sie nannte das Kätzchen Prinzessin Sissy. Noch im gleichen Jahr gewann sie mit eben diesem Tier auf der Landeskatzenschau den Ersten Preis. Sie bekam ein hohes Preisgeld und es gab einen lobenden Artikel in der Zeitung und so weiter. Jetzt ist sie ja schon 25. Sie lebt mit Sissy bei ihrem Freund, hat einen tollen Job und ist glücklich.“

„Unglaublich!“, rief ich überrascht. „Was wurde aus den anderen Katzenkindern?“

„Den roten Kater überließ der Nachbar seiner Mutter. Sie war eine lustige alte Dame und sehr patent. Aber als sie 85 wurde, entschied sie sich doch fürs Altersheim. Seit neun Jahren wohnt sie dort, und es gefällt ihr ganz ausgezeichnet. Ihren Kater Felix nahm sie mit. Dort hat er sich sofort in die Herzen der Heimbewohner geschlichen. „Er ist unser kleiner Glückskater“, sagen die alten Leute zärtlich, wenn sie ihn streicheln. „Er ist der wärmste Sonnenschein für unseren Lebensabend.“

Der Bauer goss noch etwas Kaffee nach. Der große Kater lag inzwischen zu unseren Füßen und lauschte aufmerksam auf jedes Wort.

Er ist die dritte Katze, nicht wahr?“, fragte ich.

Der Bauer nickte. „Mein Nachbar glaubt zwar genau so wenig wie Sie und ich an die Katze der Pandora und dass die womöglich Unglück bringt. Trotzdem hat er diesen schwarzen Burschen niemals verschenkt. Mohrle ist ein hervorragender Mäusejäger und hält streunende Gartentiger meilenweit fern, das können Sie mir glauben. Oft liegt er auf seinem Aussichtsplatz im Obstbaum und sieht die Straße entlang. Zehn Jahre hat er das jeden Tag gemacht, als ob er auf jemanden wartete.“

„Aber wer könnte das sein?“, fragte ich nachdenklich.

„Er wartete auf die Alte, die ihn in die Welt hinausgebracht hat. Letzten Monat habe ich sie selbst gesehen. Ich stand am Gartenzaun, so wie vorhin. Da kam sie die Straße entlang, in einem tausendfach geflickten Rock und mit einer giftgrünen Bluse. Am Ostbaum blieb sie stehen und hat leise etwas zu dem Kater gesagt. Sie hat eine ganze Weile mit ihm gesprochen. Dann war sie plötzlich weg.“

„Aber wer ist sie?“, fragte ich hartnäckig, denn ungelöste Rätsel lassen mir keine Ruhe.

„Ich habe mich das auch gefragt“, gestand der Bauer und kratzte sich verlegen am Stoppelbart. „Schließlich hab ich etwas über die Sache gefunden.“

Er ging kurz ins Haus und kehrte gleich darauf mit einem schmalen Buch zum Kaffeetisch zurück. Auf dem blauen Einband stand: Legenden und Sagen aus dem Mecklenburger Land. Allerlei Gebräuchliches und Nützliches. Er schob das Buch verlegen zu mir herüber. „Das hier ist ein alter Ratgeber aus dem Jahre 1678. Und neben der bösen Mittagsfrau, die Kinder ins Kornfeld lockt, wird dort auch die gutmütige Herbsthexe beschrieben. Ich glaub beinahe, dass sie im letzten Monat hier war...“

M. Thiele

 

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