Folgende Geschichte erschien am 16./17.05.2009 im Nordkurier. Zehn Märchen verstecken sich darin. Findet ihr sie?

Es war einmal ein König, der liebte nichts so sehr wie gutes Essen, und so, wie man von anderen Königen sagte, sie säßen im Rate, so hieß es von diesem, er wäre in der Küche. Dort naschte er vergnügt aus Töpfen und Pfannen und war rundum glücklich, denn seine Köchin kannte so viele Lieblingsrezepte, wie das Jahr Tage hat. Sie besaß einen sprechenden Küchenspiegel, und den fragte sie manchmal: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die beste Köchin im ganzen Land?“ Wenn der Spiegel ihr dann versicherte, es gäbe keine bessere als sie selbst, so war sie zufrieden.

Einmal nahm sie ihr Körbchen, setzte sich eine rote Mütze auf und ging in den Wald, um frische Kräuter zu sammeln. Doch dieser Wald war ein Naturschutzgebiet, und kaum hatte sie das erste Sträußchen Johanniskraut gepflückt, da stand schon der schreckliche Parkwächter im grauen Pelz hinter ihr. „Ach, was gruselt mir!“, rief sie entsetzt. „Oh, hätte ich doch alles im Supermarkt eingekauft, anstatt mich in die Wildnis zu wagen!“ „Zu spät“, grinste der Wolf, zeigte seine spitzen Zähne, riss seinen Rachen auf, und was danach geschah, kannst du dir denken.

Inzwischen suchte der König verzweifelt nach seiner Köchin, denn ihm war nur noch ein ungeschicktes Mädchen geblieben, was nichts weiter konnte, als ein paar kalte Linsen aus der Asche herauszusuchen, und das war nun wirklich kein ausreichender Ersatz. In seiner Not befragte er seine weisen Minister. Der erste, der im Schlossbrunnen wohnte und darin immer nach goldenen Kugeln tauchte, meinte, die Köchin hätte sich bestimmt auf dem Fischmarkt verlaufen, aber sie würde sicher bald wiederkommen und ihn küssen. Der zweite Minister tanzte im Garten um den Grill und rief: „Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen werd ich dem König sein Koch!“ „Abgelehnt!“, sprach der König ärgerlich, und zur Strafe musste der freche Minister der armen Müllerstochter helfen, die schon tagelang versuchte, im Turm Stroh zu Gold zu spinnen. Der dritte und letzte Minister war niemand anders als der gestiefelte Tiger. Der lag dösend auf dem Schuppendach, und als er sah, wie unglücklich der König war, sprach er: „Weint nicht, mein Herr, ich werde mir sofort meine Siebenmeilenstiefel anziehen und Eure Köchin suchen, denn auch ich vermisse meine süße Morgenmilch!“

Also zog sich der Tiger seine wunderbaren Stiefel an, tat genau sieben Schritte – und schon stand er vor dem Schloss der bösen 13. Fee. Darin hatte der Wächterwolf die arme Köchin versteckt, denn sie sollte zur Strafe 100 Jahre schlafen. Der tapfere Tiger hatte jedoch keine Lust, so lange auf seine Morgenmilch zu warten. Er zerteilte die Dornenhecke, die das Schloss umgab, und weckte die Köchin mit einem Küsschen auf. Da war sie gerettet, und weil sie sich so sehr darüber freute, nahm sie ihren besten Topf und sprach: „Töpfchen koche!“, und kochte für das ganze Königreich süßen Brei. Und wenn sie nicht gesagt hat: „Töpfchen steh!“, so essen sie dort wohl immer noch!

Marianne Thiele

 

Last Updated (Saturday, 05 November 2016 17:31)