(2010: Geburtstagsparty im Märchenreich. In: Nordkurier, Nr. 49 vom 27./28. 2. 2010, Kurier am Wochenende / Kurierschnecke, S. 07)

Rapunzel hatte ihre Freunde eingeladen, um Geburtstag zu feiern. Als sich die Märchenwaldbewohner erwartungsvoll an der Kuchentafel versammelt hatten, klopfte plötzlich noch jemand an die Tür. Wer mochte das sein? Die drei kleinen Schweinchen schauten vorsichtshalber durch den Türspion, denn von den geladenen Gästen fehlte niemand mehr. „Oh nein, doch nicht der schon wieder“, stöhnten sie genervt, denn draußen stand der graue Wolf, und er begehrte knurrend Einlass. „Nix da“, sagten die Schweinchen furchtsam. „Du bist der böse Meister Isegrim und du machst uns immer nur Ärger. Wir lassen dich nicht ein!“ „So, ihr lasst mich nicht? Das sollt ihr bereuen“, grollte der Wolf. Er holte tief Luft und blies so lange, bis Rapunzels Turm in Scherben lag und bis alle Gäste fortgeweht waren.

Kaum war es windstill, da wendete sich das Blatt, denn nun kitzelte Rapunzel den Übeltäter gnadenlos ab, bis ihm vor Lachen der Bauch wehtat. „Hihi! Bitte aufhören“, flehte er. „Ich will ja auch alles wieder gut machen!“ Darauf hatte Rapunzel nur gewartet. „Dann baue meinen Schlossturm wieder auf und bring mir meine Freunde zurück“, verlangte sie. „Du hast bis heute Abend Zeit!“

„Unmögliches erledige ich gleich, Wunder dauern etwas länger“, maulte der Wolf bockig, während er mit eingezogenem Schwanz davonschlich. „Wie soll ich das denn so schnell schaffen?“ Doch da bemerkte er Aladins Wunderlampe, die sich am Wegesrand in einem Schlehdornstrauch verfangen hatte. Er befreite sie behutsam und sofort erschien ihr Geist, um nach Isegrims Wünschen zu fragen. „Bau Rapunzels Turm wieder auf“, knurrte der Wolf. „Hören heißt gehorchen“, antwortete der Geist. Er verneigte sich artig und flog fort, um seinen Auftrag auszuführen.

Puh, da hab ich aber Glück gehabt, dachte der Wolf. Und nun will ich Rapunzels Gäste herbeirufen, meine Stimme ist ja schließlich meilenweit zu hören. Er rief also, so laut er konnte. Aber sein schreckliches Wolfsgeheul lockte nur die neugierige Pfefferkuchenhexe herbei. „So wird das nichts, mein Süßer“, krächzte sie. „Wir machen’s lieber auf meine Weise!“ So geschah es, sie heizten im Hexenhaus den Ofen an und bald zog ein herrlicher Pfefferkuchenduft durch den ganzen Märchenwald. Er lockte die hungrigen Märchenwaldbewohner unwiderstehlich herbei, denn schließlich waren sie bei Rapunzel ja gar nicht mehr dazu gekommen, sich satt zu essen!

Als die Sonne untergehen wollte, da stand der Wolf mit einer großen Schüssel Pfefferkuchen und mit allen Gästen vor Rapunzels Schlossturm. Der erstrahlte in neuem Glanz, denn der Geist der Lampe hatte natürlich seine Aufgabe erfüllt. „Ende gut, alles gut“, sagte Rapunzel zufrieden. „Nun kommt bitte zu Tisch!“ Da eilten alle flink die Treppe hinauf, denn jeder wollte als Erster die würzigen Pfefferkuchen probieren. Bloß der arme Wolf brauchte etwas länger, denn er musste an Rapunzels Zopf mühsam nach oben klettern. Als er endlich an ihrem Fenster angekommen war, da war die Party schon in vollem Gange, und wenn der Wolf keinen Unfug mehr gemacht hat, dann feiern sie heute noch!

Marianne Thiele

Last Updated (Saturday, 05 November 2016 17:32)