Baldur, der Schneemann

(veröffentlicht im Güstrow Express vom 11.1.2006)

Lisa hatte den ganzen Nachmittag an ihrem Schneemann gebaut. Nun war er endlich fertig. Er sah wirklich prächtig aus. Die kleinere Schneekugel bildete den Kopf, und der wiederum saß auf einem dicken Bauch. Jetzt nahm Lisa den Hofbesen in die Hand. Sie tippte mit dem Besenstiel einmal auf jede Schulter des Schneemanns. Dazu sprach sie feierlich: „Ich taufe dich auf den Namen Baldur. Du hast alles, was ein eiskalter Geselle haben muss – einen roten Schal, einen schwarzen Hut, eine lange Mohrrübennase und glänzende Kohlestückchen für Augen und Mund. Es ist bloß schade, dass es übermorgen schon wieder wärmer werden soll.“ Bis zum Abend spielte Lisa noch auf dem Hof. Sie rodelte stundenlang eine selbstgebaute Schanze hinunter und lief erst ins Haus, als es langsam dunkel wurde. Der Schneemann blieb nachdenklich zurück. „Warum ist es eigentlich schade, dass es bald wärmer wird?“, überlegte er.
„Hi! Hi! Weil du dann ratzfatz schmilzt, du Dummerchen“, versetzte eine winzige Hexe, die plötzlich aus einer Schneewehe hervorkroch. Ihre Stimme klang etwas kratzig, so als ob sie stundenlang mit dem kalten Nordwind gereist wäre. Sie rutschte übermütig Lisas Schneeschanze hinunter und landete genau vor Baldurs Bauch. Als sie aufstand, reichte sie dem Schneemann nicht einmal bis zum ersten Kohleknopf, so klein war sie. Sie hüllte sich in einen hellblauen Mantel. Sonst war alles an ihr schneeweiß, sogar ihre Zähne und ihre nackten Füße. An ihrer krummen Nase hing ein glänzender Eiszapfen. „Du scheinst ja nicht viel Ahnung vom Winterwetter zu haben, mein Süßer.“
„Nein, nicht viel“, seufzte der Schneemann. „Ich bin ja heute erst zur Welt gekommen und muss erst noch alles lernen. Kann man denn nicht etwas tun, damit es kalt bleibt?“
Das Weiblein schüttelte den Kopf. Es tat einen Sprung und landete genau auf Baldurs Besenstiel. „Tut mir leid, mein eisiger Freund“, sagte es. „Diese Frage stellen mir alle Schneemänner jedes Jahr aufs neue. Und jedes Mal muss ich sie wieder enttäuschen.“
„Warum?“
Das Hexlein kicherte. „Ach, du Dummerchen, weil kein Winter ewig dauert. Das habe ich auf der Schneehexenschule am Nordpol gelernt. Das, und noch viel mehr! Wie man den Schnee macht, wie viele Flocken eine Schneewolke transportieren darf, ohne dass sie vom Himmel fällt, und wie ein Eiskristall aussehen soll. Wenn ich dieses Jahr die Prüfung bestehe, darf ich mit meinen Schwestern sogar zum Südpol reisen.“
„Bringst du mir was bei?“, fragte Baldur neugierig. Er hatte atemlos zugehört und darüber ganz vergessen, das er sich vor dem Wegschmelzen fürchtete. „Wie das mit der Schneewolke funktioniert, zum Beispiel?“
„Beibringen nicht, zeigen ja“, schmunzelte das Hexlein. „Also, dann pass mal auf, mein Schöner!“ Sie breitete ihren Mantel aus und flog so leicht wie eine Fledermaus in den nächsten Baum. Aus seiner Krone sammelte sie die feinsten Schneeflocken, und die trieb sie wie eine Herde Schafe über den Hof, bis sie als weißes Wölkchen über Baldurs Kopf schwebten. Im nächsten Moment hüllte sie den Hof in einen lustigen Flockenwirbel. „Mehr! Mehr!“, rief der Schneemann glücklich. Also ließ das Hexlein einen dicken Eiszapfen an Baldurs Besen wachsen, bat den Nordwind sein raues Lied zu singen, zauberte glitzernden Reif an die Mohrrübennase, bis sie wie echtes Silber funkelte, und zuletzt malte sie riesige Eisblumen an Lisas Schlafzimmerfenster. Als sie die letzte Blüte fertig hatte, dämmerte der neue Morgen herauf.
„Siehst du, so schön ist der Winter“, sagte das Hexlein.
„Aber ich werde vielleicht schon morgen schmelzen...“, erinnerte Baldur sich.
„Freue dich ruhig darauf, mein Tapferer, denn dann wirst du ein Schneezauberer werden“, sagte das Hexlein. „Du wirst dich in unglaublich viel Wasser verwandeln, und da, wo du gestanden hast, werden noch schönere Blumen wachsen, als ich sie an Lisas Fenster gemalt habe.“
Baldur staunte. „Echt wahr? Noch schönere?“
„Ja, weil ich sie nur weiß machen kann, du aber wirst weiße, rote, gelbe, blaue und grüne aus der Erde herbeizaubern. Ich beneide dich darum!“
„Ich glaube, es geht jetzt mit dem Schmelzen los“, flüsterte der Schneemann. „Meine Nase tropft bereits.“
Aber nun hatte er keine Angst mehr. Denn wer kann schon von sich behaupten, dass er Blumen aus der Erde hervorzaubern kann, ohne jemals eine Zauberschule besucht zu haben? Du und ich, wir können das nicht. Niemals. So etwas Cooles schaffen eben nur - echte Schneemänner!

Marianne Thiele

Last Updated (Sunday, 30 December 2018 17:44)